Gedankensplitter

6.Juni 2020 – von Tempos, Podcast, WC und Sprachbewusstsein

Übrigens …
… bist du dir bewusst, dass du jedes Mal, wenn du von Tempo-Taschentüchern oder Podcast sprichst, genaugenommen Produktwerbung betreibst?
Also ich nicht. Es ist auch nicht wichtig, offenbart jedoch dass niemand immerzu jedem Wort, dass er benutzt, nachforscht.

Ich bin ja sehr dafür, erst zu denken und dann zu reden, erkenne da jedoch auch Grenzen.
So scheint mir die Erwartungshaltung, über Sprache etwa die Gleichberechtigung zu fördern, doch zu viel verlangt.
Wäre es nicht des Öfteren besser, aufzuhören zu sezieren und lieber das Gesagte im Ganzen zu betrachten?

Und ja: Sprache ist eine Waffe.
Sie jedoch vollzufrachten mit (ohne Frage entscheidenden!) politischen und gesellschaftlichen Ideen führt leider nicht dazu, dass sich mehr Menschen mit den Inhalten dieser Ideen beschäftigen, sondern schadet der Sache eher, weil es einfach nur nervt…
> Es macht die Waffe unhandlich, stumpf und damit unbrauchbar.
> Es bringt die Problemlösung keinen Schritt näher.
> Es führt immer öfter bspw. dazu, dass ins Englische gewechselt wird, um den
Streitpunkt zu umgehen. Wollen wir unsere Muttersprache abschaffen?

… entspricht es in keiner Weise meiner Erfahrung, dass die sklavische Anpassung des grammatikalischen Geschlechtes jedweder Bezeichnung an das biologische Geschlecht der jeweils Titulierten zur Gleichbehandlung beitrüge.

Den Fall, bei welchem jemand allein durch den Zwang der politischen Korrektheit auch seine innere Einstellung geändert hätte, muss ich erst noch erleben.
Schön wäre es, erscheint mir jedoch illusorisch.
Es wird halt nur nicht mehr laut gesagt, gehandelt wird … wie gehabt.

Dagegen empört es mich, wenn die so bedeutsame, schwierige Position von Gleichstellungsbeauftragten (die übrigens für alle Geschlechter aktiv sein müssen) in Firmen und Ämtern anscheinend nur dazu „geduldet“ werden, um Formalismen durchzusetzen.
Hier sind die Betriebsräte und Gewerkschaften gefragt, zu unterstützen, zu fordern und zu fördern, dass eine Gleichbehandlung stattfindet.
Von einer formalen, inhaltsleeren Gleichtitulierung hat niemand etwas.

Mein Fazit:
Wer sich darauf beruft, durch die Erfindung geschlechtsneutraler Bezeichnungen etwas für die Gleichbehandlung getan zu haben, beweist m.E., dass es da nur um die eigene Wichtigkeit ging.

Statt über die korrekte Ansprache aller Geschlechter zu diskutieren, was zwar nett ist, aber niemandem wirklich weiter hilft, fangen wir doch endlich mal an, etwas zu tun!

Zum Schluss nur ein Beispiel:
Unisex-Toiletten gab es schon in den 90ern bei Ally McBeal …
Darüber diskutiert wird hier mindestens ebenso lange …
Aber wo bleiben sie?
Da wünsche ich mir endlich ein Gesetz.
So würde meine diesbezügliche Verordnung für öffentliche Gebäude und Firmen aussehen:

  • generell rollstuhlgängige Unisex-Toiletten,
  • separate Pissoirs,
  • separate Wickelräume, in denen Mütter wie Väter sich um die Kinder kümmern können… (in Firmen nach Bedarf …)

Das erscheint mir machbar und würde auf einen Schlag diverse Punkte klären:

  • Mütter, die ihren kleinen Sohn bzw. Väter, die ihr Töchterchen aufs WC begleiten …
    >>>> keine Gewissenfrage mehr, wer von beiden ins falsche Örtchen geht
  • Wickelflächen aus historischen oder Platzgründen nur im Damen-WC
    >>>> Thema abgehakt …
  • Die Warteschlangen vor Damentoiletten in Veranstaltungspausen, auf Autobahnraststätten usw.
    >>>> reduziert, ohne dass es unbedingt mehr Toiletten geben muss
  • extra Rollstuhlfahrer-WCs, bei denen z.T. ein Schlüssel nötig ist,
    damit ja auch niemand anderes diese benutzt, selbst wenn sie frei sind.
    >>>> integriert …
    ( Übrigens m.E. eine „typisch deutsche“ Erscheinung, die auf einem ähnlich selbstherrlichen Regulierungswahn beruht, wie Kinder- und Seniorenteller,
    die niemand anderes bestellen darf. )

 

Nach meiner Überzeugung sind Gleichbehandlung und Toleranz Werte, die die Erziehung, das Umfeld durch „Vorleben“ dem Menschen vermitteln müssen und keine leeren, politisch noch so korrekten Worthülsen.
Die innere Einstellung eines Menschen äußern sich in seinen Taten.
Reden kann man viel …

Was denkst du darüber?

Ein Gedanke zu „6.Juni 2020 – von Tempos, Podcast, WC und Sprachbewusstsein“

  1. Liebe Fledermaus,
    Du hast Recht, nur reden hilft nicht, es müssen Taten her. Aber auch Sprache ist eine Tat. Und Sprache formt das Denken. Geschlechtsneutrale Sprache überzeugt niemanden, der dafür nicht offen ist. Aber langfristig schafft sie gesamtgesellschaftlich – zumindest bei einem Teil der Gesellschaft – vielleicht diese Offenheit oder trägt zu einer Normalisierung bei. Es muss einfach normal und selbstverständlich sein, dass das Geschlecht für erwartete Verhaltensweisen, Entlohnung etc. keine Rolle spielt. Es muss selbstverständlich sein, dass Frauen, Männer und Alle dazwischen oder drumherum gleichwertig sind. Das kann beispielsweise durch den Verzicht auf das generische Maskulinum, also die Bezeichnung einer Gruppe mit dem männlichen Plural, egal, ob auch Frauen in der Gruppe sind, sicher nicht forciert werden. Aber zumindest als Chance auf ein langsames Umdenken und eine schleichende Selbstverständlichmachung des gleichen Werts und der gleichen Rechte finde ich auch Sprache als Instrument hilfreich. In Form von Vorschriften erzeugt das Ganze eher Widerstand und wird kontraproduktiv, aber wer aus Überzeugung bestimmte Formulierungen wählt und andere vermeidet, hat dadurch durchaus einen Einfluss auf das eigene Denken und das Denken der Anderen. Und je mehr sich das Denken ändert, desto umsetzbarer und einfacher werden all die guten Dinge, die Du oben vorschlägst.

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