Depression

Depression: Auf und Ab in Lockdown-Zeiten

Nachdem ich zwei Jahre lang mehr oder weniger daheimgesessen hatte, in denen ich mir mit Bewerbungen erfolglos die Zeit vertrieb, kam mir Ende 2019 dann der Zufall zu Hilfe, frei nach dem Motto: „Beziehungen schaden nur dem, der keine hat.“
Ich war mal wieder beim Friseur (der Schimmel musste vom Dach).
Meine Friseurin sprach mich an: „Du machst doch irgendwas mit IT?“
„Ja?“
„Suchst du immer noch einen Job?“
„Ja.“
„Dann hab ich was für dich. Ist eine kleine Firma, die suchen Mitarbeiter. Ich hab da selbst mal gearbeitet, toller Chef, melde dich dort mal. Die wissen schon Bescheid.“

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nur: „Krass! Da rennst du zu offiziellen Arbeitsvermittlern in der Arbeitsagentur, meldest dich bei x Personaldienstleistern an, … dabei braucht es nur einen Friseurbesuch?“

Irgendwas mit IT?

Natürlich war ich skeptisch. „Irgendwas mit IT“ ist ja nicht gerade eine erschöpfende Aussage und kann so ziemlich alles bedeuten.
Daheim hab ich mir also die Website des Unternehmens angeschaut.
Mmmh? Wie ich in eine Firma passen sollte, die veraltete Lagertechnik wieder auf neuesten technischen und sicherheitstechnischen Stand bringt (der Terminus dazu ist „Retrofit“), das sah ich noch nicht.

Da ich jedoch nichts zu verlieren hatte, rief ich an. Es wurde ein sehr nettes Gespräch mit dem Firmenchef. Wir vereinbarten, dass ich ihm meine Bewerbungsunterlagen schicke, dass er „sich etwas für mich überlegt“.
Genau genommen habe ich damit gerechnet, daraufhin nichts mehr von ihm zu hören.
Doch weit gefehlt. Nach zwei weiteren Telefonaten sowie einem ausführlichen Gespräch in der Firma hatte ich ein Angebot für einen Arbeitsvertrag für eine Teilzeitstelle, genauso wie ich es mir gewünscht hatte.
Zunächst war er befristet für 1,5 Jahre mit Aussicht auf einen unbefristeten Vertrag im Anschluss. Mittlerweile habe ich den unbefristeten Vertrag.

Dass mein Chef mir zutraute, mich in Neuland einzuarbeiten, dass er mir die Chance und die Zeit dazu gab, hat mich sehr aufgebaut.
Nach all den Rückschlägen, dem wachsenden Gefühl der Nutzlosigkeit, Überflüssigkeit endlich wieder wahrgenommen zu werden, das hatte ich dringend gebraucht.
Es tat gut, diese Aufmerksamkeit zu bekommen.
Das zweite Highlight Anfang 2020 war der Harfenbaukurs, an dem ich im Februar, noch kurz vor dem ersten Lockdown, teilnahm.
Seitdem habe ich meine eigene, selbst gebaute Harfe. Ich bin stolz wie Bolle. Sie heißt Adelheid.

Adelheid

Insofern hat dieses anstrengende covid-19-lastige Jahr für mich auch einen ordentlichen positiven Schub gegeben.
Doch es kam wie immer.
Gerade wenn du denkst: „Jetzt läufts mal wieder“, ist es auch schon vorbei damit.
Das Universum hat wohl einfach etwas dagegen, dass es uns zu gut geht.
Der Rest des Jahres war eher so semi. Es kamen Todesfälle, es kam Stress in der Familie und dazu natürlich die vielfältigen virenbedingten Einschränkungen: Keine runden Geburtstage feiern, keine persönlichen Treffen mit der Familie, kein richtiger Urlaub.

Es war höchste Zeit, mich an meine eigenen Ratschläge zu erinnern.

Covid-19 ist für jemanden wie mich, die ich ohnehin zum Einzelgängertum neige, natürlich ein guter Grund, Menschen aus dem Weg zu gehen.
Doch ich spüre, dass mich dann jeder unvermeidliche Kontakt außerhalb meines üblichen Kreises (Ehemann und 3 Arbeitskollegen) doppelt anstrengt.
Ein Lockdown, ob nun hart oder weich, tut der Seele nicht gut.
Meine Tage wurden immer grauer.

Ich musste aufpassen, nicht wieder in alte Muster zu verfallen.
Musste mich daran erinnern, dass ich meine Freizeitaktivitäten nicht wieder auf null fahre, dass ich mir meine Auszeiten nehme.
Dies gelingt bis heute nach mittlerweile zwei Lockdown-Jahren unterschiedlich gut, ist phasenabhängig.
Hilfreich ist, dass ich ja inzwischen die Zeichen kenne.
Wenn meine Migräne sich zurückmeldet, wenn mein Magen rebelliert, dann ist Alarmstufe gelb. Dann muss ich innehalten, muss schauen, wo ich stehe und was da droht, wieder aus dem Ruder zu laufen.
Musizieren und Schreiben sind wichtige Stützen für mich.
Gerade der Versuch, beim Schreiben positiv zu sein, braucht Überwindung und ist anstrengend. Jedoch wenn es klappt, dann baut es auf.
Natürlich muss ich mir manchmal auch einfach Frust und Kummer von der Seele schreiben. Aber ich bin über die ABC-Etüden in einer kleinen feinen Gruppe gelandet, in der ich mich gut aufgehoben und gefordert fühle.

Es zeigt sich halt immer wieder, dass dieser innere Krieg nicht irgendwann einfach vorbei ist; dass der schwarze Hund nicht freiwillig Ruhe gibt, sich in eine Ecke legt und da liegen bleibt.
Außenstehende reagieren da verständlicherweise oft auch verständnislos.
Sind der Ansicht: Irgendwann ist ja nun auch mal gut!
Schön wär’s.
Ich arbeite dran.

Photo by Ali Mu00fcftu00fcou011fullaru0131 on Pexels.com

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4 Gedanken zu „Depression: Auf und Ab in Lockdown-Zeiten“

  1. Ich finde deine abc-Etüden super, und war jetzt sehr erstaunt, zu lesen, dass du beruflich „irgendwas mit IT“ machst. Bei deinem Schreibtalent hätte ich auf „irgendwas mit Sprache“ getippt … 😉😃. Aber wenn du auch noch Harfen bauen kannst, bist du ja offenbar seeeehr multitalentiert!!! Beeindruckend! 🦋🦋🦋

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