ABC-Etüden, Depression

ABC-Etüde KW 46 + 47 / 2021 – November

Die letzte Etüdenrunde des Jahres 2021 wurde von Christiane eingeläutet. Die zu verwendenden Worte stammen aus Heidis Erinnerungswerkstatt und lautet somit irgendwie folgerichtig:

Museum – biografisch – erinnern

November

Im Museum meiner Erinnerungen scheint ein Foto auf. Es ist noch nicht alt, genau genommen wohl zu jung für ein klassisches Museum. Mein Erinnerungsmuseum ist jedoch nach anderen Kriterien gefüllt als nach dem Alter des Objekts, da geht es wohl eher um biografische Höhe- oder Wendepunkte, um Glücksmomente wie auch um offene Fragen und Zweifel.

Was ist so besonders an dem Bild? Was ist darauf zu sehen?
Es ist das Bild einer Familienfeier. Das Besondere daran ist wohl was oder vielmehr, wer darauf NICHT zu sehen ist.
Schmerzhaft in mindestens einem der drei Fälle ist diese Abwesenheit. Die Entscheidung, Menschen, die dich lieben, aus dem eigenen Leben zu streichen wegen … ja, weswegen eigentlich? Ich weiß es bis heute nicht. Die Ursachen zu erfahren, waren wir nicht wert. Immer wieder versuche ich mich zu erinnern, zu ergründen, was da wohl falsch gelaufen sein mag, wo wir versagt haben, wo eine Weiche falsch gestellt, ein Anschluss verpasst wurde. Ich komme nicht dahinter und der Zug ist abgefahren.
Ob ein nächster irgendwann doch den Bahnhof erreicht? Wer weiß.
Die Hoffnung bleibt – selbst im traurigen, nebelgrauen November.

–185 Wörter —

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 42 + 43 / 2021: Parallelen

Diese Geschichte folgt auf die Schreibeinladung von Christiane.
Sie verwendet in den vorgegeben maximal 300 Worten die Wortspende von Puzzleblume, die da lautet:

Biedermeier
flöten
niederträchtig

Ideenauslöser war eine Information, die mich fasziniert hat:
Im 19. Jahrhundert gab es Klavierbauer in jeder größeren Stadt.
Ein Klavier war im Haushalt etwa das, was heute das Auto ist: Wer immer sich eins leisten konnte, hatte eins. In besser situierten Haushalten war es ein Salonflügel, der zur Einrichtung dazu gehörte, andere versuchten zumindest ein „einfaches“ Klavier als Statussymbol zu haben.
Im Jahr 1886 beispielsweise wurden in Deutschland etwa 73.000 Klaviere produziert. Allein in Berlin gab es damals über 200 Klavierbauer. Viele Marken, die wir heute noch kennen, entstanden am Ende des 18. bzw. Beginn des 19. Jahrhunderts, seien es Grotrian, Schimmel, Förster, Bösendorfer, Bechstein oder Steinway.
So weit mein Exkurs in die Geschichte …

Parallelen

Seit Tagen mühte sich Franz Xaver durch die Klavierstücke, die sein Lehrer ihm aufgetragen hatte. Zum Namenstag der Mama würde es wieder eine Hausmusik geben, bis dahin musste er sie fehlerfrei spielen können. Also kämpfte er sich verbissen durch die Kinderszenen von Robert Schumann, der Mama zur Freude, die den Komponisten so sehr verehrte.
Er beneidete seine jüngere Schwester Emilia, die nur das Spielen auf der Blockflöte lernen musste. Dieses Instrument schien doch viel leichter zu beherrschen zu sein. Auf jeden Fall flötete Emilia fröhlich vor sich hin, während er mit seinen kurzen Fingern Mühe hatte, die Akkorde zu greifen.
Aber es half alles nichts.
Der Papa hatte erst gestern Abend wieder erklärt, dankbar dafür zu sein, dass die schrecklichen Kriege endlich vorbei seien, der niederträchtige Napoleon endgültig besiegt wäre.
Er sprach aber auch davon, wie schwierig die Lage nach dem Wiener Kongress sei, wie die „Heilige Allianz“ mit aller Macht versuche, eine Restauration zu erzwingen.
Er bedauerte das Verbot jeder politischen Betätigung und beklagte, wie Metternichs Zensur jede Veröffentlichung beargwöhne, selbst die von Musikstücken.
Deshalb, so der Vater, sei es umso wichtiger, wenigstens in der Familie Sicherheit und Geborgenheit zu finden, sich ein gemütliches, friedliches Heim zu schaffen.
Erst eine Woche zuvor waren neue Möbel im beliebten Stil des Biedermeiers angeschafft worden, um den Salon gemütlicher zu gestalten.
Rückzug in die private Sicherheit sei das Einzige, was derzeit zu tun übrig bliebe, so der Herr Papa.

Wie kommt es nur, dass ich hier so viele Parallelen zum Leben in jener anderen Diktatur entdecke, in der ich aufgewachsen bin?


— 260 Wörter —


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ABC-Etüde KW 40+41 / 2021: Geheime Künste

Und da war sie wieder: Christianes Schreibeinladung mitsamt zwei tollen Titelbildvorschlägen zum Erfinden einer neuen Etüde mit maximal 300 Wörtern…
Diesmal stammt die Wortspende von Yvonne (ihr Blog heißt „umgeBUCHt“)
und lautet
Geheimkünstler / sperrig / suggerieren.

Geheime Künste

Die Gerüchteküche brodelte. Da niemand Genaues wusste, uferte die Schwarmfantasie aus. Es begann damit, dass die heruntergekommene Ruine am Stadtrand plötzlich renoviert wurde. Die Bauleute kannten ihren Auftraggeber nicht persönlich. (Was ihnen aber auch egal war, solange sie ihr Geld bekamen.)
Die absurdesten Ideen kursierten. Vom Prominentenrückzugsort über Unaussprechliches, Verbotenes bis zur Geheimsekte war so ziemlich alles am Start.
Als Nächstes kamen Umzugswagen voller sperriger, massiver Bücherregale und Bücherkisten.
Dann wurde ein edles, aber unauffälliges Namensschild angebracht: „G. Heim“. Eine Klingel gab es nicht.
Die Städter pilgerten auf ihren Sonntagsnachmittags-Verdauungsspaziergängen am Grundstück vorbei in der vergeblichen Hoffnung auf irgendeinen Hinweis, wer hier wohl was täte.
Von Zeit zu Zeit gab es Einladungen an Einzelne. Doch wer hoffte, danach von den Eingeladenen mehr zu erfahren, wurde enttäuscht. Schönes Haus. Nettes Gespräch. Freundlicher Gastgeber. Ein besonderes Geheimnis entdeckte niemand.
Einige von ihnen gingen nie wieder in das Haus, andere eine Zeit lang regelmäßig.
Aufmerksame Beobachter hätten feststellen können, dass letztere irgendwie glücklicher, erfolgreicher und zufriedener mit und in ihrem Leben wirkten, wohingegen die anderen eher zu den ewig Unzufriedenen zählten, die in der ständigen Suche nach einem Schuldigen für ihr vermeintliches Scheitern nie auf die Idee kamen, dass sie sich selbst im Wege standen.
Mit der Zeit legte sich die Neugier. Andere Aufreger füllten die Köpfe. Das Haus am Stadtrand wurde kaum noch erwähnt.
Genau das hatte G. Heim gewollt. Er selbst sah sich als graue Eminenz. Während er anderen Gedankenanstöße gab, gelang es ihm meist, ihnen gleichzeitig zu suggerieren, dass es ihnen selbst eingefallen sei. Er brauchte kein Lob, keine Ehrung für seine Tätigkeit. Er war der Zuhörer, der Trigger. Ihn freute es, wenn die Menschen um ihn herum an ihren Aufgaben wuchsen, Sinnvolles taten und glücklich waren.
Wer ihn nach seinem Beruf fragte, bekam mit einem Lächeln die Antwort: „Geheimkünstler„.


–300 Wörter–








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ABC-Etüde KW 25+26/2021 – Geschätzte Kannibalen

Der letzte Etüdenaufruf vor der Sommerpause kommt einher mit der Wortspende von Monika, der Bloggerin von Allerlei Gedanken.
Die drei Wörter, welche sich geschmeidig in einen maximal 300 Worte umfassenden Text einfügen sollen, lauten
-Praline – herzhaft – wandern –.

Lieben Dank an Christiane für Einladung und Titelbild.

Geschätzte Kannibalen

In der Abenddämmerung beginnen sie durch meinen Garten zu wandern.
Auf ihrer Suche nach Futter hinterlassen sie deutliche Schleimspuren auf der Holzterrasse.
Schließlich tauchen sie im Dickicht des Erdbeerbeetes unter. Naschen hier und da an einer reifen Frucht, so als wäre es eine leckere Praline.
Als Nächstes entdecken sie das frische, zarte Laub von Salat und Aubergine.
Ihr Appetit auf Herzhaftes ist geweckt.
Die Wand des Hochbeetes hält sie nicht auf.
Sperren aus Schafwolle? Ich sehe förmlich, wie sie hämisch grinsen.
Kurzen Prozess machen sie mit den jungen Pflänzchen. Nicht einmal mehr ein Strunk wird am Morgen noch zu sehen sein, wo heute noch 20 kleine Salatpflanzen standen. Die Aubergine übersteht einmal mehr das Massaker zerzaust zwar, aber standhaft.
Doch noch bevor die gefräßigen, unbehausten Mundräuber ihr Werk vollendet haben, naht zum Glück unerwartete Hilfe für den Salat.
Familie Tigerschnegel ist auf der Jagd. Die drei auffällig gezeichneten großen Nacktschnecken vertilgen hungrig und kontinuierlich die eigene Verwandtschaft.
Da sag noch einer etwas gegen Kannibalismus …

Tigerschnegel (Limax maximus)
Von Christian Fischer, CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16010864
Gedichte

13. Juni 2021 – Die Rückkehr des Diktates

Die Diktatur der Personalpronomen
– Es kommt alles wieder –

§1

ich will nicht,
du kannst nicht,
er soll nicht,
sie darf nicht,
es wird bestraft,
wir brauchen’s nicht,
ihr habt es nicht,
sie stören eh bloß –

§2

deiner ist größer als meiner,
ihrer ist richtiger als seiner,
unser schwerwiegender als seiner,
ihrer aller wichtiger als euer –

§3

mir und dir machts niemand recht,
ihm und ihr wirds nicht erlaubt,
ihm und uns Bosheit unterstellt,
euch das Vertrauen entzogen,
ihnen Erfahrung abgesprochen –

§4

mich will keiner,
dich mag keiner,
ihn braucht keiner,
sie hält keiner,
es hat man längst verflucht,
uns erwartet keiner,
euch vermisst keiner,
sie alle hat keiner gesucht