ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 18 + 19 / 2022 – Die Tür

Heute werde ich versuchen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.
Zum Einen ist dies ein Etüdentext zur Einladung von Christiane mit der Wordspende von Myriade, die da lautet: Giraffe – mondsüchtig – suchen;
zum Anderen nutze ich einen Rahmen-Ansatz aus Myriades Impulswerkstatt, der mich sofort angesprochen hat: „Sie öffnete die Tür“ ………. „dann ging sie“
Nun denn.

Die Tür

Sie öffnete die Tür.
Zum wahrscheinlich letzten Mal spürte sie, wie perfekt sich die Messingklinke mit dem Löwenkopf in die Hand schmiegte.
Den Karton mit den Fotoalben unter dem Arm drehte sie sich noch einmal um, betrachtete die vertraute, jetzt leer geräumte Wohnung, sah die gestreifte Tapete im Flur, die Maßstriche auf der Giraffe am Rahmen der Küchentür. Amanda hatten sie sie getauft, Amanda die Maßgiraffe.
Mit einem Frühstücksbrettchen auf dem Kopf als Maß hatten ihre Schwester und sie immer am 1. Januar dort gestanden. Der Vater hatte akribisch Striche gezogen. Dann wurde geschaut, wer mehr gewachsen war im letzten Jahr.
Sie schaute nach oben auf die Luke zum Dachboden mit der Klapptreppe und erinnerte sich daran, wie sie beide als 5- und 6-Jährige gespielt hatten, sie seien mondsüchtig, nur um an Silvester das mitternächtliche Feuerwerk sehen zu können. Sie waren aufgeflogen, weil ihre Schwester nicht aufhören konnte zu kichern. Das Lichtspektakel hatten sie dennoch ansehen dürfen.
Sie sah den schwarz-weißen Steinfußboden in dem großen Flur, auf dem man in Socken so prima schlittern konnte. Stundenlang hatten sie Eislaufen gespielt und Pirouetten geübt.
So viele Geschichten und Erinnerungen.
Aber nun waren die Räume leer, die Möbel hatten die Schwestern sich aufgeteilt.
Ab morgen würden neue Besitzer frische, hoffentlich glückliche Erinnerungen in das alte Haus tragen.
Noch heute Abend würden sie beide die Fotoalben durchsehen und die Bilder aussuchen, an deren Geschichten sie sich erinnern konnten. Was mit dem Rest geschehen würde, mussten sie noch überlegen.
Ihre Mutter hatte immer gesagt: „Fotos verblassen. Unsere Erinnerungen leben weiter in den Herzen derjenigen, die sie hören wollten.“
Sie gab sich einen Ruck, strich noch einmal liebevoll über das geschnitzte Türblatt, flüsterte ein „Danke“ in die Wohnung,
dann ging sie.

-286 Wörter-



ABC-Etüden, Gedichte

ABC-Etüde KW 16+17 / 2022 – Vorsicht Falle

Und hier noch ein kleines Gedicht zur Vorgabe von Ludwig Zeidler.

Königskuchen – akribisch – träumen

Lieben Dank an Christiane für Einladung und Beitragsbild.

Vorsicht Falle

König sein für einen Tag.
Wer immer davon träumen mag,
der kann ja mit dem Königskuchen,
am Königstag sein Glück versuchen.
Doch soll das Ganze dir gelingen,
empfehl ich dir: „Nicht gierig schlingen!“
Denn sollte es im Munde knacken,
das Geldstück, das akribisch eingebacken,
besiegt es womöglich ganz spontan
den ein‘ oder andren Backenzahn.
Dann verbringt der König seinen Tag am End‘
auf dem Zahnarztstuhl als Kassenpatient.

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 16+17/2022 – Frau und Fledermaus in Betrachtung des Mondes

Nachdem ich die letzte Runde mal wieder verpasst habe, Covid-19 beim Mann, schwere Erkältung alle beide, dazu miese Laune bei mir – sehr ärgerlich, dabei waren die Wörter von Katha echt toll – versuche ich mich nun an der neuen Vorgabe von Ludwig Zeidler.
Danke an Christiane für Einladung und Beitragsbild.
Nun also 300 Worte rund um „Königskuchen – akribisch – träumen„.

Frau und Fledermaus in Betrachtung des Mondes

„Ich bin ja eher nicht so der akribische Typ.“

„Ich weiß. Aber wie kommst du jetzt darauf?“ Paula, meine Fledermaus-Muse, saß vor mir auf dem Bett und betrachtete kritisch das Bild, das ich gestern aufgehängt hatte. Es zeigt eine Abendstimmung. Malen nach Zahlen für Erwachsene.

„Na ja, die Vorlage sah schon ein bissel anders aus. Ich hab die Formen der Farbflächen relativ frei interpretiert und einige Farbübergänge dazu erfunden, wo es mir zu flächig war.“

„Ist gut geworden.“

„Ja. Ich mochte das Bild von vornherein. Auch wenn es knapp am Kitsch vorbei marschiert: Der Mond, der sich im Wasser eines baumumstandenen Sees spiegelt. Ich find es einfach herrlich verträumt.“

„Akribie und Kreativität passen eh nicht so ganz zusammen.“

„Kommt jetzt der Spruch von Genie und Chaos?“

„Na jetzt übertreib mal nicht. Wer Bilder nach Vorlage ausmalt, ist noch lange kein Genie.
Nein, ich denke aber, dass es im Alltag nur sehr wenige Sachen gibt, die wirklich 100 Prozent akribisches Herangehen erfordern. Dazu gehört das Backen. Dein Königskuchen gelingt nur, wenn du dich genau ans Rezept hältst. Übrigens bin ich da eher für eine Mandel als für ein Geldstück. Ist besser für die Zähne. Das nur nebenbei. Vieles andere jedenfalls gewinnt an Charme und Identität, durch einen Schuss Eigeninitiative und einfach mal ausprobieren.“

„Tja, dann muss aber auch ein Misslingen erlaubt sein. Allzu oft wird jemand, der einen Fehler macht, gleich als Versager dargestellt. Da bist du in bewährter Konformität sicherer aufgehoben.“

„Hach, was sind wir heute wieder tiefsinnig“, grinste Paula und zeigte ihre Vampirzähnchen, „jetzt lass uns lieber in der Küche schauen, was wir aus deinen Vorräten improvisieren können. Wenn es nicht schmeckt, darfst du es alleine essen.“

Geschmeckt hat es ihr gut. Das Chaos in der Küche durfte ich dann allerdings allein beseitigen. Sie hatte einen dringenden Termin …

-300 Wörter-





ABC-Etüden, Gedichte

ABC-Etüde KW 12 + 13 /2022 – Einvernehmlich

Es ist Etüdenzeit. Christiane hat diesmal Maren mit ihrem Blog Ich lache mich gesund als Wortspenderin an ihrer Seite.
Die Worte lauten Birke – blumig – entgiften.
Die Aufgabe? Wie immer: Einbauen in einen Text von maximal 300 Worten.


In einer Zeit, in der der Wahnsinn wächst: Krieg fast vor der Haustür, um sich greifende Intoleranz und Selbstherrlichkeit, in der schon Rastalocken nur erlaubt sind, wenn man einen Jamaikaner im Stammbaum hat, man aber gleichzeitig die eigene Muttersprache zur Mundart degradieren kann und sich eine Fremdsprache kulturell aneignet … ich könnte die Liste beliebig fortsetzen …
in so einer Zeit muss ich einfach ab und zu blödeln um mich zu entgiften.
Wenn ich einigen von euch auch ein Lächeln entlocken kann, dann wars den Spaß allemal wert.

Einvernehmlich

Der Wastl war ein Niederbayer
und stand total auf Biedermeier.
Er braucht‘ sein Heim um abzudriften
sich nach dem Alltag zu entgiften.
Die Stoffe blumig wie ein Garten,
die Möbel Echtholz aller Arten
aus Eiche, Kirsche, Birkenholz.
„My home – my castle“ sprach er stolz.

Die Ex-Frau mochte dieses nicht,
liebt’s eher praktisch, eher schlicht.
Da kannte sie auch kein Pardon.
Sie wollte grau und Stahlbeton.
So lief die Ehe gar nicht rund,
Biedermeier – Trennungsgrund.
Einvernehmlich immerhin,
das war so ganz in seinem Sinn.
Er schmiss dann eine Scheidungsfeier:
„Endlich wieder Biedermeier !“


ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 10+11 /2022 – Alle warten

Es ist Etüdenzeit. Christiane hat eingeladen und das zauberhafte Beitragsbild gestaltet,
Alice spendete die Wörter:
Zylinder / rau / blühen
Danke an euch beide.

Alle warten …

Magiers Kaninchen bleibt vorerst im Zylinder und wartet. Sicher ist sicher. Gedankenverloren mümmelt es an einer Karotte. Die Zeiten sind rau.
Womöglich blüht ihm draußen ein Ende in der nächsten Pfanne, oder es wird als Osterhase zwangsrekrutiert. Der Stress!
Nein, da ist es im kuscheligen Zylinder viel besser.
Der Magier selbst arbeitet an seinem neuesten Trick. Er wartet auf den Durchbruch darauf dass Las Vegas ruft und das große Geld.

Im Wunderland lacht der Märzhase, bis seine Stimme ganz rau ist, als der verrückte Hutmacher seinen neuesten Zylinder vorführt. Das Leben ist schwer im Reich der Roten Königin. Jede Möglichkeit zum Lachen ist kostbar.
Das weiße Kaninchen zückt gewichtig die Taschenuhr und murmelt „Wieder zu spät“.
Mitten auf der blühenden Wiese ist die Teetafel gedeckt. Grinsekatze schwebt gedankenverloren über der Teekanne.
„Pass bloß auf, dass kein Haar in meinen Tee fällt“, fiept die Haselmaus.
Die Katze grinst und verschwindet, um im nächsten Moment mit dem ulkigen Zylinder auf dem Kopf wieder aufzutauchen.
Sie warten auf Alice, die die Rote Königin besiegen wird.

Ich warte auf den Frühling, hoffe, dass der raue Wind bald lauen Lüften weicht. Derweil schneide ich Zweige von Holzapfel und Forsythie im Garten, stelle sie in einen großen Glaszylinder und hole mir so meine Frühlingserwartung ins Wohnzimmer.

Und worauf wartest du?

–214 Wörter–