ABC-Etüden

ABC-Etüde KW8+9/2022 – So einfach

Ein neuer Etüdenaufruf von Christiane ist erfolgt, die Wortspende von Gerda Kazakou lautet:

Haut – feurig – schweben

Nachdem in der vorigen Runde meine Phantasie den Zwergenaufstand geprobt und sich verweigert hat, will ich diesmal unbedingt wieder dabei sein.
Aber es fällt schwer:
Die Welt wird eben ein Stück näher an den Abgrund gesteuert.
Ich stehe fassungslos am Rand, ohne Worte.

Es könnte so einfach sein…

Nach endlos grauen, kalten, stürmischen Tagen ist doch tatsächlich der Frühling um die Ecke geschwebt und hat ein paar Lichtblicke in die Trostlosigkeit gestreut.
Da entschloss sie sich, das Wetter zu nutzen, das Fahrrad aus dem Schuppen zu holen, um zur Arbeit zu fahren.
Als die kalte Morgenluft über ihre stubenbleiche Haut strich, schien es ihr, als würde eine spinnwebgraue Schicht abgetragen und davonschweben.
Der lichtspendende, feurige, goldene Ball stieg langsam auf.
Geblendet schloss sie kurz die Augen und meinte der Sonne entgegen zu radeln.
Die Kälte war vergessen.
Sie genoss Licht und Frühlingsluft, hörte dem Morgenlied der Vögel zu, fühlte sich wohl.
Für zwanzig Minuten war die Welt in Ordnung.
… und dann kam der Krieg.

ABC-Etüden

Extra-Etüde KW 5 /2022 – Die Entscheidung

Es ist Extra-Etüdenzeit. Danke an Christiane für die Einladung und das Titelbild.
Die Worte für die maximal 500 Wörter umfassende erste Extraetüde 2022 kommen aus den vorangegangenen 4 Wochen, also von Ludwig Zeidler und von Tanja mit ihrem Blog Stachelbeermond und lauten

Hoffnungsschimmer – unverzeihlich – nähen
Wackelpudding – unverdrossen – knistern

Mindestens fünf davon sollen sich im folgenden Text wiederfinden.
Inspiriert ist das Folgende durch „Ocean’s Eleven“ und daraus folgende Was-wäre-wenn-Gedanken.
Na dann …

Die Entscheidung

Ihre Beine fühlten sich schon wie Wackelpudding an, als sie ins Bad wankte und ihren müden Körper in die Wanne hievte. Aufseufzend sank sie in das warme Wasser, schloss die Augen, griff nach dem Rasierer und erinnerte sich.
Sie war sechzehn gewesen, als sie den geheimnisvollen, attraktiven Bad-Boy kennenlernte. Es hatte sofort zwischen ihnen gefunkt. Naive Gans, die sie war, romantisierte sie sich ihre Zukunft zusammen. Er war ihr Danny, sie seine Tess.
Was immer er auch anderen antun mochte, zu ihr war und blieb er liebevoll und charmant.
Sie sah ihn als eine Art Robin Hood, tat er doch mit dem Großteil seiner Beute Gutes; spendete für Tierheime, Hospize, Kindergärten, meist im Namen seiner Opfer, die dann dagegen nicht gut ohne Gesichtsverlust vorgehen konnten.
Er war überzeugt, dass es in Ordnung sei, andere, wie er sagte, zu ihrem Glück zu zwingen. Er war sicher zu wissen, was das Richtige für alle wäre. Sie glaubte an ihn und an seine Überzeugungen.
Als sie 21 wurde, heirateten sie. Ihr Hochzeitskleid wollte sie selbst nähen. Doch das wäre aus seiner Sicht unverzeihlich gewesen: „Du sollst es bei mir gut haben, du musst dir nicht die Finger zerstechen.“ Er schickte sie zu einem teuren Brautausstatter. Da waren ihr zum ersten Mal Zweifel gekommen.
Heute wusste sie: Mit jeder Entscheidung, die er wohlmeinend für sie getroffen hatte, mit jedem Nachgeben wider besseren Wissens hatte sich die Tür des, zugegeben, goldenen Käfigs ein bisschen mehr geschlossen, war sie mehr und mehr entmündigt worden.
Ihre Mutter hatte sie vor der Trauung umarmt und geweint. Oft hatte sie sie gewarnt, aber war auf taube Ohren gestoßen.
Schließlich war sie erwachsen, wollte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Unverdrossen hatte sie zu ihm gehalten.
Heute Nachmittag war er zu ihr gekommen, mit teurem Whisky und einem großen Blumenstrauß in knisterndem Zellophan. „Ich möchte etwas mit dir besprechen.“
Ein kleiner Hoffnungsschimmer machte sich in ihr breit. Wollte er endlich aufhören? Wollte er ihr sagen, dass er sich stellen würde und sie bitten auf ihn zu warten, damit sie ein neues Leben anfangen können, wenn er seine Strafe abgesessen haben würde? Natürlich würde sie!
„Ich finde es ist an der Zeit, eine Familie zu gründen. Du solltest also die Pille absetzen, denke ich.“
Sie konnte ihn nur anstarren. Mit einem Schluck kippte sie ihren Whisky, riss sich zusammen und sagte, so ruhig es ihr möglich war: „Das kommt plötzlich, lass mir ein paar Tage, um darüber nachzudenken.“
„Natürlich. Ich muss noch mal weg. Warte nicht auf mich.“
Da war er, der Moment der Entscheidung.
SIE hatte sich aus Liebe eingelassen auf das Leben neben einem Verbrecher.
Aber ihrem Kind würde sie das niemals zumuten.
Ihn zu verraten kam nicht infrage.
So tat sie, was ihr aus ihrer Sicht zu tun blieb.
Ihr Brief war kurz und liebevoll.
Er fand sie am Morgen in der Wanne.
Der Arzt klopfte ihm tröstend auf die Schulter: „Schlaftabletten und aufgeschnittene Pulsadern. Mein Beileid.“
Er machte weiter wie bisher, überzeugt, es für sie zu tun.

— 500 Wörter–

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 01+02/2022 – Die Schutzhülle

Neues Jahr, neue Etüden.
Willkommen 2022.
Christiane hat wieder eingeladen und Gewissenmaßen „fünf Minuten vor der Angst“ kommt hier nun meine Etüde zu den ersten Worten des Jahres 2022, die traditionell Ludwig Zeidler vorgegeben hat:
Hoffnungsschimmer – unverzeihlich – nähen

Die Etüde balanciert mal wieder ganz nah am Rande der Realität.
(Selbstverständlich sind jedoch meine Gedanken in Wahrheit immer viel, viel netter. 😉)

Die Schutzhülle

„Duhu? Kannst du eigentlich nähen?“ Die Sache mit dem Welpenblick hat er echt drauf, denkt sie sich und nickt trotzdem.
„So richtig mit Nähmaschine?“ In Ihrem Kopf interveniert das Klugscheißerchen: „Wie kann man bitte falsch mit Nähmaschine nähen?“, dennoch nickt sie wieder, bereits ahnend, dass sie aus der Nummer eh nicht mehr raus kommt.
In seinem Hundeblick macht sich ein Hoffnungsschimmer breit. Jetzt zu kneifen wäre unverzeihlich. Es wäre fast, als würde man mit einem saftigen Steak vor dem Vierbeiner wedeln, nur um es dann komplett selbst zu essen.
Also wartet sie ergeben auf den so umständlich vorbereiteten Wunsch.
(„Verd … Kann er nicht einfach sagen, was er will? Dann sage ich: „Nein, tut mir leid, keine Zeit?“ Und gut ists?)
„Na ja, ich hab mir doch diesen eBook-Reader gekauft, und nun brauche ich eine Hülle und ich hab keine 30€ für so etwas übrig.“
Sie blickt ihn freundlich interessiert mit erhobenen Augenbrauen an.
„Könntest du mir so etwas nähen? Ich hab eine Freundin gefragt, aber deren Nähmaschine ist kaputt.“
Kluges Mädchen.“, denkt sie, „Damit allerdings ist diese Ausrede passé. Aber zum anderen, was solls? So viel Aufwand ist das nun echt nicht. Tue ich ihm also den Gefallen.“, daher nickt sie wieder: „Ja klar.“
Der Hoffnungsschimmer wird zum Strahlen: „Die Maße hab ich schon aufgeschrieben.“
Na dann …

Drei Tage später legt sie ihm die fertige, gehäkelte(!) Reader-Tasche auf den Schreibtisch. In ihrem Stoff-Fundus hatte sie nichts gefunden, das stabil genug gewesen wäre, um als Schutzhülle zu dienen, aber dicke schwarz-graue Acrylwolle zum Häkeln, die hatte sie noch gehabt. Binnen zweier Folgen „Inspector Barnaby“ war sie fertig gewesen …
„Du bist ein echter Schatz, weißt du das?“ dankt er begeistert.
„Natürlich weiß ich das …“, wiegelt die innere Zicke selbstbewusst ab.
Dennoch: Die Anerkennung tut einfach sau gut.

– 299 Wörter –

ABC-Etüden, Depression

ABC-Etüde KW 46 + 47 / 2021 – November

Die letzte Etüdenrunde des Jahres 2021 wurde von Christiane eingeläutet. Die zu verwendenden Worte stammen aus Heidis Erinnerungswerkstatt und lautet somit irgendwie folgerichtig:

Museum – biografisch – erinnern

November

Im Museum meiner Erinnerungen scheint ein Foto auf. Es ist noch nicht alt, genau genommen wohl zu jung für ein klassisches Museum. Mein Erinnerungsmuseum ist jedoch nach anderen Kriterien gefüllt als nach dem Alter des Objekts, da geht es wohl eher um biografische Höhe- oder Wendepunkte, um Glücksmomente wie auch um offene Fragen und Zweifel.

Was ist so besonders an dem Bild? Was ist darauf zu sehen?
Es ist das Bild einer Familienfeier. Das Besondere daran ist wohl was oder vielmehr, wer darauf NICHT zu sehen ist.
Schmerzhaft in mindestens einem der drei Fälle ist diese Abwesenheit. Die Entscheidung, Menschen, die dich lieben, aus dem eigenen Leben zu streichen wegen … ja, weswegen eigentlich? Ich weiß es bis heute nicht. Die Ursachen zu erfahren, waren wir nicht wert. Immer wieder versuche ich mich zu erinnern, zu ergründen, was da wohl falsch gelaufen sein mag, wo wir versagt haben, wo eine Weiche falsch gestellt, ein Anschluss verpasst wurde. Ich komme nicht dahinter und der Zug ist abgefahren.
Ob ein nächster irgendwann doch den Bahnhof erreicht? Wer weiß.
Die Hoffnung bleibt – selbst im traurigen, nebelgrauen November.

–185 Wörter —

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 42 + 43 / 2021: Parallelen

Diese Geschichte folgt auf die Schreibeinladung von Christiane.
Sie verwendet in den vorgegeben maximal 300 Worten die Wortspende von Puzzleblume, die da lautet:

Biedermeier
flöten
niederträchtig

Ideenauslöser war eine Information, die mich fasziniert hat:
Im 19. Jahrhundert gab es Klavierbauer in jeder größeren Stadt.
Ein Klavier war im Haushalt etwa das, was heute das Auto ist: Wer immer sich eins leisten konnte, hatte eins. In besser situierten Haushalten war es ein Salonflügel, der zur Einrichtung dazu gehörte, andere versuchten zumindest ein „einfaches“ Klavier als Statussymbol zu haben.
Im Jahr 1886 beispielsweise wurden in Deutschland etwa 73.000 Klaviere produziert. Allein in Berlin gab es damals über 200 Klavierbauer. Viele Marken, die wir heute noch kennen, entstanden am Ende des 18. bzw. Beginn des 19. Jahrhunderts, seien es Grotrian, Schimmel, Förster, Bösendorfer, Bechstein oder Steinway.
So weit mein Exkurs in die Geschichte …

Parallelen

Seit Tagen mühte sich Franz Xaver durch die Klavierstücke, die sein Lehrer ihm aufgetragen hatte. Zum Namenstag der Mama würde es wieder eine Hausmusik geben, bis dahin musste er sie fehlerfrei spielen können. Also kämpfte er sich verbissen durch die Kinderszenen von Robert Schumann, der Mama zur Freude, die den Komponisten so sehr verehrte.
Er beneidete seine jüngere Schwester Emilia, die nur das Spielen auf der Blockflöte lernen musste. Dieses Instrument schien doch viel leichter zu beherrschen zu sein. Auf jeden Fall flötete Emilia fröhlich vor sich hin, während er mit seinen kurzen Fingern Mühe hatte, die Akkorde zu greifen.
Aber es half alles nichts.
Der Papa hatte erst gestern Abend wieder erklärt, dankbar dafür zu sein, dass die schrecklichen Kriege endlich vorbei seien, der niederträchtige Napoleon endgültig besiegt wäre.
Er sprach aber auch davon, wie schwierig die Lage nach dem Wiener Kongress sei, wie die „Heilige Allianz“ mit aller Macht versuche, eine Restauration zu erzwingen.
Er bedauerte das Verbot jeder politischen Betätigung und beklagte, wie Metternichs Zensur jede Veröffentlichung beargwöhne, selbst die von Musikstücken.
Deshalb, so der Vater, sei es umso wichtiger, wenigstens in der Familie Sicherheit und Geborgenheit zu finden, sich ein gemütliches, friedliches Heim zu schaffen.
Erst eine Woche zuvor waren neue Möbel im beliebten Stil des Biedermeiers angeschafft worden, um den Salon gemütlicher zu gestalten.
Rückzug in die private Sicherheit sei das Einzige, was derzeit zu tun übrig bliebe, so der Herr Papa.

Wie kommt es nur, dass ich hier so viele Parallelen zum Leben in jener anderen Diktatur entdecke, in der ich aufgewachsen bin?


— 260 Wörter —