ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 01+02/2022 – Die Schutzhülle

Neues Jahr, neue Etüden.
Willkommen 2022.
Christiane hat wieder eingeladen und Gewissenmaßen „fünf Minuten vor der Angst“ kommt hier nun meine Etüde zu den ersten Worten des Jahres 2022, die traditionell Ludwig Zeidler vorgegeben hat:
Hoffnungsschimmer – unverzeihlich – nähen

Die Etüde balanciert mal wieder ganz nah am Rande der Realität.
(Selbstverständlich sind jedoch meine Gedanken in Wahrheit immer viel, viel netter. 😉)

Die Schutzhülle

„Duhu? Kannst du eigentlich nähen?“ Die Sache mit dem Welpenblick hat er echt drauf, denkt sie sich und nickt trotzdem.
„So richtig mit Nähmaschine?“ In Ihrem Kopf interveniert das Klugscheißerchen: „Wie kann man bitte falsch mit Nähmaschine nähen?“, dennoch nickt sie wieder, bereits ahnend, dass sie aus der Nummer eh nicht mehr raus kommt.
In seinem Hundeblick macht sich ein Hoffnungsschimmer breit. Jetzt zu kneifen wäre unverzeihlich. Es wäre fast, als würde man mit einem saftigen Steak vor dem Vierbeiner wedeln, nur um es dann komplett selbst zu essen.
Also wartet sie ergeben auf den so umständlich vorbereiteten Wunsch.
(„Verd … Kann er nicht einfach sagen, was er will? Dann sage ich: „Nein, tut mir leid, keine Zeit?“ Und gut ists?)
„Na ja, ich hab mir doch diesen eBook-Reader gekauft, und nun brauche ich eine Hülle und ich hab keine 30€ für so etwas übrig.“
Sie blickt ihn freundlich interessiert mit erhobenen Augenbrauen an.
„Könntest du mir so etwas nähen? Ich hab eine Freundin gefragt, aber deren Nähmaschine ist kaputt.“
Kluges Mädchen.“, denkt sie, „Damit allerdings ist diese Ausrede passé. Aber zum anderen, was solls? So viel Aufwand ist das nun echt nicht. Tue ich ihm also den Gefallen.“, daher nickt sie wieder: „Ja klar.“
Der Hoffnungsschimmer wird zum Strahlen: „Die Maße hab ich schon aufgeschrieben.“
Na dann …

Drei Tage später legt sie ihm die fertige, gehäkelte(!) Reader-Tasche auf den Schreibtisch. In ihrem Stoff-Fundus hatte sie nichts gefunden, das stabil genug gewesen wäre, um als Schutzhülle zu dienen, aber dicke schwarz-graue Acrylwolle zum Häkeln, die hatte sie noch gehabt. Binnen zweier Folgen „Inspector Barnaby“ war sie fertig gewesen …
„Du bist ein echter Schatz, weißt du das?“ dankt er begeistert.
„Natürlich weiß ich das …“, wiegelt die innere Zicke selbstbewusst ab.
Dennoch: Die Anerkennung tut einfach sau gut.

– 299 Wörter –

ABC-Etüden, Depression

ABC-Etüde KW 46 + 47 / 2021 – November

Die letzte Etüdenrunde des Jahres 2021 wurde von Christiane eingeläutet. Die zu verwendenden Worte stammen aus Heidis Erinnerungswerkstatt und lautet somit irgendwie folgerichtig:

Museum – biografisch – erinnern

November

Im Museum meiner Erinnerungen scheint ein Foto auf. Es ist noch nicht alt, genau genommen wohl zu jung für ein klassisches Museum. Mein Erinnerungsmuseum ist jedoch nach anderen Kriterien gefüllt als nach dem Alter des Objekts, da geht es wohl eher um biografische Höhe- oder Wendepunkte, um Glücksmomente wie auch um offene Fragen und Zweifel.

Was ist so besonders an dem Bild? Was ist darauf zu sehen?
Es ist das Bild einer Familienfeier. Das Besondere daran ist wohl was oder vielmehr, wer darauf NICHT zu sehen ist.
Schmerzhaft in mindestens einem der drei Fälle ist diese Abwesenheit. Die Entscheidung, Menschen, die dich lieben, aus dem eigenen Leben zu streichen wegen … ja, weswegen eigentlich? Ich weiß es bis heute nicht. Die Ursachen zu erfahren, waren wir nicht wert. Immer wieder versuche ich mich zu erinnern, zu ergründen, was da wohl falsch gelaufen sein mag, wo wir versagt haben, wo eine Weiche falsch gestellt, ein Anschluss verpasst wurde. Ich komme nicht dahinter und der Zug ist abgefahren.
Ob ein nächster irgendwann doch den Bahnhof erreicht? Wer weiß.
Die Hoffnung bleibt – selbst im traurigen, nebelgrauen November.

–185 Wörter —

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 42 + 43 / 2021: Parallelen

Diese Geschichte folgt auf die Schreibeinladung von Christiane.
Sie verwendet in den vorgegeben maximal 300 Worten die Wortspende von Puzzleblume, die da lautet:

Biedermeier
flöten
niederträchtig

Ideenauslöser war eine Information, die mich fasziniert hat:
Im 19. Jahrhundert gab es Klavierbauer in jeder größeren Stadt.
Ein Klavier war im Haushalt etwa das, was heute das Auto ist: Wer immer sich eins leisten konnte, hatte eins. In besser situierten Haushalten war es ein Salonflügel, der zur Einrichtung dazu gehörte, andere versuchten zumindest ein „einfaches“ Klavier als Statussymbol zu haben.
Im Jahr 1886 beispielsweise wurden in Deutschland etwa 73.000 Klaviere produziert. Allein in Berlin gab es damals über 200 Klavierbauer. Viele Marken, die wir heute noch kennen, entstanden am Ende des 18. bzw. Beginn des 19. Jahrhunderts, seien es Grotrian, Schimmel, Förster, Bösendorfer, Bechstein oder Steinway.
So weit mein Exkurs in die Geschichte …

Parallelen

Seit Tagen mühte sich Franz Xaver durch die Klavierstücke, die sein Lehrer ihm aufgetragen hatte. Zum Namenstag der Mama würde es wieder eine Hausmusik geben, bis dahin musste er sie fehlerfrei spielen können. Also kämpfte er sich verbissen durch die Kinderszenen von Robert Schumann, der Mama zur Freude, die den Komponisten so sehr verehrte.
Er beneidete seine jüngere Schwester Emilia, die nur das Spielen auf der Blockflöte lernen musste. Dieses Instrument schien doch viel leichter zu beherrschen zu sein. Auf jeden Fall flötete Emilia fröhlich vor sich hin, während er mit seinen kurzen Fingern Mühe hatte, die Akkorde zu greifen.
Aber es half alles nichts.
Der Papa hatte erst gestern Abend wieder erklärt, dankbar dafür zu sein, dass die schrecklichen Kriege endlich vorbei seien, der niederträchtige Napoleon endgültig besiegt wäre.
Er sprach aber auch davon, wie schwierig die Lage nach dem Wiener Kongress sei, wie die „Heilige Allianz“ mit aller Macht versuche, eine Restauration zu erzwingen.
Er bedauerte das Verbot jeder politischen Betätigung und beklagte, wie Metternichs Zensur jede Veröffentlichung beargwöhne, selbst die von Musikstücken.
Deshalb, so der Vater, sei es umso wichtiger, wenigstens in der Familie Sicherheit und Geborgenheit zu finden, sich ein gemütliches, friedliches Heim zu schaffen.
Erst eine Woche zuvor waren neue Möbel im beliebten Stil des Biedermeiers angeschafft worden, um den Salon gemütlicher zu gestalten.
Rückzug in die private Sicherheit sei das Einzige, was derzeit zu tun übrig bliebe, so der Herr Papa.

Wie kommt es nur, dass ich hier so viele Parallelen zum Leben in jener anderen Diktatur entdecke, in der ich aufgewachsen bin?


— 260 Wörter —


ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 40+41 / 2021: Geheime Künste

Und da war sie wieder: Christianes Schreibeinladung mitsamt zwei tollen Titelbildvorschlägen zum Erfinden einer neuen Etüde mit maximal 300 Wörtern…
Diesmal stammt die Wortspende von Yvonne (ihr Blog heißt „umgeBUCHt“)
und lautet
Geheimkünstler / sperrig / suggerieren.

Geheime Künste

Die Gerüchteküche brodelte. Da niemand Genaues wusste, uferte die Schwarmfantasie aus. Es begann damit, dass die heruntergekommene Ruine am Stadtrand plötzlich renoviert wurde. Die Bauleute kannten ihren Auftraggeber nicht persönlich. (Was ihnen aber auch egal war, solange sie ihr Geld bekamen.)
Die absurdesten Ideen kursierten. Vom Prominentenrückzugsort über Unaussprechliches, Verbotenes bis zur Geheimsekte war so ziemlich alles am Start.
Als Nächstes kamen Umzugswagen voller sperriger, massiver Bücherregale und Bücherkisten.
Dann wurde ein edles, aber unauffälliges Namensschild angebracht: „G. Heim“. Eine Klingel gab es nicht.
Die Städter pilgerten auf ihren Sonntagsnachmittags-Verdauungsspaziergängen am Grundstück vorbei in der vergeblichen Hoffnung auf irgendeinen Hinweis, wer hier wohl was täte.
Von Zeit zu Zeit gab es Einladungen an Einzelne. Doch wer hoffte, danach von den Eingeladenen mehr zu erfahren, wurde enttäuscht. Schönes Haus. Nettes Gespräch. Freundlicher Gastgeber. Ein besonderes Geheimnis entdeckte niemand.
Einige von ihnen gingen nie wieder in das Haus, andere eine Zeit lang regelmäßig.
Aufmerksame Beobachter hätten feststellen können, dass letztere irgendwie glücklicher, erfolgreicher und zufriedener mit und in ihrem Leben wirkten, wohingegen die anderen eher zu den ewig Unzufriedenen zählten, die in der ständigen Suche nach einem Schuldigen für ihr vermeintliches Scheitern nie auf die Idee kamen, dass sie sich selbst im Wege standen.
Mit der Zeit legte sich die Neugier. Andere Aufreger füllten die Köpfe. Das Haus am Stadtrand wurde kaum noch erwähnt.
Genau das hatte G. Heim gewollt. Er selbst sah sich als graue Eminenz. Während er anderen Gedankenanstöße gab, gelang es ihm meist, ihnen gleichzeitig zu suggerieren, dass es ihnen selbst eingefallen sei. Er brauchte kein Lob, keine Ehrung für seine Tätigkeit. Er war der Zuhörer, der Trigger. Ihn freute es, wenn die Menschen um ihn herum an ihren Aufgaben wuchsen, Sinnvolles taten und glücklich waren.
Wer ihn nach seinem Beruf fragte, bekam mit einem Lächeln die Antwort: „Geheimkünstler„.


–300 Wörter–








ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25+26/2021 – Geschätzte Kannibalen

Der letzte Etüdenaufruf vor der Sommerpause kommt einher mit der Wortspende von Monika, der Bloggerin von Allerlei Gedanken.
Die drei Wörter, welche sich geschmeidig in einen maximal 300 Worte umfassenden Text einfügen sollen, lauten
-Praline – herzhaft – wandern –.

Lieben Dank an Christiane für Einladung und Titelbild.

Geschätzte Kannibalen

In der Abenddämmerung beginnen sie durch meinen Garten zu wandern.
Auf ihrer Suche nach Futter hinterlassen sie deutliche Schleimspuren auf der Holzterrasse.
Schließlich tauchen sie im Dickicht des Erdbeerbeetes unter. Naschen hier und da an einer reifen Frucht, so als wäre es eine leckere Praline.
Als Nächstes entdecken sie das frische, zarte Laub von Salat und Aubergine.
Ihr Appetit auf Herzhaftes ist geweckt.
Die Wand des Hochbeetes hält sie nicht auf.
Sperren aus Schafwolle? Ich sehe förmlich, wie sie hämisch grinsen.
Kurzen Prozess machen sie mit den jungen Pflänzchen. Nicht einmal mehr ein Strunk wird am Morgen noch zu sehen sein, wo heute noch 20 kleine Salatpflanzen standen. Die Aubergine übersteht einmal mehr das Massaker zerzaust zwar, aber standhaft.
Doch noch bevor die gefräßigen, unbehausten Mundräuber ihr Werk vollendet haben, naht zum Glück unerwartete Hilfe für den Salat.
Familie Tigerschnegel ist auf der Jagd. Die drei auffällig gezeichneten großen Nacktschnecken vertilgen hungrig und kontinuierlich die eigene Verwandtschaft.
Da sag noch einer etwas gegen Kannibalismus …

Tigerschnegel (Limax maximus)
Von Christian Fischer, CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16010864