ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25 + 26 / 2022 – Baumkrise V

Für den Etüden-Endspurt vor der Sommerpause durfte ich die Wörter spenden.
Ich habe mich für Wiedergeburt, antanzen und blümerant entschieden.
Hier kommt der letzte Teil meiner Geschichte rund um Mysterienmuseum und Weltenbaum.
Christianes Einladung und sämtliche Etüden zu diesen Wörtern sind hier zu finden.

Baumkrise V

Es vergeht einige Zeit, dann hören die Wartenden im Konferenzraum wie Carry, Djalu und Keyser zurückkommen.
„Und? Was können wir tun?“, der Direktor möchte schnell zum Punkt kommen.
Djalu blickt ernst in die Runde.
„Ich weiß nicht genau, was sie sich vorgestellt haben. Dass ich herkomme, den Baum ein bisschen antanze und alles ist wieder gut?“ Keyser schaut ertappt.
„Lassen sie mich ihnen erklären, wie ich das Ganze sehe. Sie haben die wunderbare Entdeckung eines Schösslings des Weltenbaums gemacht und das erste, was ihnen einfällt, ist, ausbuddeln und mitnehmen.“
„Doch aber nur um ihn zu schützen“, kommt es zaghaft von Carry.
„Das ist im Prinzip lobenswert, aber hätte man ihn auch in situ schützen können. Stellen sie sich vor, er ist ein Kind, dass aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, dass von Freunden und Familie getrennt in eine sterile Einsamkeit verpflanzt wird. Was soll daraus werden? Ein Psychopath? Ein Selbstmörder?“ Den Anwesenden sieht man an, dass ihnen langsam blümerant wird, als ihnen aufgeht, was sie angerichtet haben.
„Der Weltenbaum hat eine Aufgabe, er steht als Sinnbild für die sichere Wiedergeburt allen Lebens. Aber wer würde so leben, so wiedergeboren werden wollen? In einem Glaskasten, für Geld angestarrt, gefangen?“ Er schüttelte den Kopf. „Niemand. Aber wir Menschen mischen uns überall ein. Wir maßen uns immer wieder an zu entscheiden, was für andere Wesen richtig und gut ist. Ich kann dem Bäumchen nicht helfen. Das können nur sie und nur auf eine Weise. Bringen sie es zurück nach Hause. Anderenfalls wird der kleine Baum eingehen und mit ihm all die Hoffnung, die er in sich trägt.“
Eindringlich schaute er jedem Einzelnen in die Augen. „Ich bitte sie von ganzem Herzen darum: Bringen sie ihn heim.“
Schon am nächsten Tag startete eine Privatmaschine. An Bord befanden sich Carry, Djalu und eine große Transportkiste.

-E N D E-

-299 Wörter-

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25 + 26 / 2022 – Baumkrise IV

Für den Etüden-Endspurt vor der Sommerpause durfte ich die Wörter spenden.
Ich habe mich für Wiedergeburt, antanzen und blümerant entschieden.
Hier kommt der vierte, wahrscheinlich vorletzte Teil meiner Geschichte rund um Mysterienmuseum und Weltenbaum.
Christianes Einladung und sämtliche Etüden zu diesen Wörtern sind hier zu finden.

Es ist Abend im Mysterienmuseum. Die letzten Besucher sind längst gegangen, das Museum ist für heute geschlossen. Alle warten gespannt und hoffnungsvoll auf die Ankunft des australischen Schamanen.

Baumkrise IV

„Jetzt setzen sie sich doch endlich mal hin, Carry. Dieses Hin- und Her-Gelaufe macht uns alle noch nervöser.“ Der Direktor klingt angespannt.
Da endlich sind zwei Männerstimmen zu hören. Die Tür zum Konferenzraum wird geöffnet. Karl führt den Schamanen herein und stellt ihm die Anwesenden vor. Diese schauen irritiert auf den großen, durchtrainierten, maximal 40-jährigen Aborigine. So hatten sie sich einen Schamanen nicht vorgestellt. Dieser blickte amüsiert in die Runde.
„Ich freue mich, hier sein zu dürfen. Mein Name ist Djalu. Ich bin Schamane der Pitjantjatjara. Bitte erzählen sie mir, wie ich helfen kann.“
Der Direktor nickte Carry zu. „Dr. Brehm wird ihnen alles berichten.“
Carry erzählte also noch einmal ausführlich, wie sie an den Weltenbaum-Ableger gekommen waren und welche Maßnahmen ergriffen worden waren, um ihn im Museum artgerecht anzusiedeln.
„Gut, dann lassen sie uns den Patienten besuchen, danach sehen wir weiter.“
Damit drehte sich Djalu zur Tür um. Carry beeilte sich, ihm den Weg zu zeigen.
Als die beiden gegangen waren, sahen sich die restlichen Versammelten betreten an.
Keyser murmelte: „Ob er den Baum jetzt antanzt?“ Valentina zuckte mit den Schultern: „Wenn’s hilft …“
Der Direktor wandte sich an Karl. „Woher kennst du ihn eigentlich? Der Typ sieht eher nach Big Business als nach Naturheiler aus.“
„Ja, so hab ich ihn auch kennengelernt. Bei einem Geschäftsessen in Alice Springs. Er ist einer der wenigen, die es aus der Armut geschafft haben und versucht nun etwas Grundlegendes für seine Leute zu tun. Dass er ein hoch angesehener Schamane ist, erfuhr ich später. Er sagt, dass die Heilmagie beim Tod eines Schamanen in dessen erwähltem Nachfolger eine Art Wiedergeburt erlebt.“
Der Direktor wirkte noch immer irritiert: „Ich muss gestehen, mir ist eher blümerant bei dem Gedanken, dass er womöglich unsere letzte Hoffnung ist. Keyser, gehen sie mal schauen, was die beiden treiben.“

–300 Wörter–

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25 + 26 / 2022 – Baumkrise III

Für den Etüden-Endspurt vor der Sommerpause durfte ich die Wörter spenden.
Ich habe mich für Wiedergeburt, antanzen und blümerant entschieden.
Hier kommt der dritte Teil meiner Geschichte rund um Mysterienmuseum und Weltenbaum.
Christianes Einladung und darüber der Zugang zu all den anderen Geschichten findet sich hier.

Im Konferenzraum des Museums knisterte es förmlich vor Anspannung. Würde der Schatzsucher mit dem berühmten Namen helfen können, den kleinen Weltenbaum zu retten?

Baumkrise III

Alle warteten, dass Dr. Jones sich meldete. Dann erschien er tatsächlich auf der Videowand und sah aus wie die Wiedergeburt von George Hall.
„Herr Direktor, meine Damen und Herren, ich grüße sie. Lassen sie uns gleich starten. Frau Dr. Brehm können sie mir schildern, wo ich helfen kann?“
Carry nickte und begann: „Der kleine Ableger, den sie uns besorgt haben, schien zunächst gut zu gedeihen. Wir hatten ja ordentlich Boden vom Ursprungsort rund um den Wurzelballen. Einen Teil dieser Erde haben wir genau analysiert und die Pflanzstelle entsprechend aufbereitet. Gemeinsam mit unserem Meteorologen wurde ein passendes Klimaprofil erstellt und umgesetzt. Mehrmals täglich habe ich alles überprüft. Aber nun, nach den ersten hoffnungsvollen Wochen, fing der Baum an zu welken und die Äste hängen zu lassen, wie eine kleine Trauerweide. Zuerst dachte ich an Schädlinge im Boden oder in der Luft, aber da ist alles in Ordnung. Was könnte da sonst passiert sein?
Der Schatzsucher überlegte lange, dann schüttelte er ratlos den Kopf.
„Gab es vielleicht noch irgendwelche besonderen Vorkommnisse im Zusammenhang mit ihrem Fund?“ fragte Keyser.
„Etwas war schon seltsam. Während wir das Bäumchen ausgruben und verpackten, wurden wir pausenlos von Raubvögeln attackiert. Uns war echt blümerant zumute. Und als wir am Flughafen die Transportbox vom Wagen holten, waren außer dem Baum auch noch zwei Eichhörnchen drin. Waren wohl von meinen beiden Mitarbeitern eingesperrt worden. Na, die hab ich antanzen lassen, sag ich ihnen. So geht das ja nicht. Wir haben die Tierchen natürlich freigelassen. Zum Glück ist dem Baum nichts passiert.“
Der Direktor wirkte nachdenklich. „Wäre es denkbar, dass eine Art Symbiose zwischen dem Baum und diesen Tieren besteht?“
„Klar. Denkbar schon. Aber wie soll das gehen?“
„Darüber müssen wir wohl noch einmal in Ruhe nachdenken. Fürs erste herzlichen Dank, Dr. Jones. Ich halte sie auf dem Laufenden.“

— 299 Wörter —

NB:
Der 2002 verstorbene George Hall war ein kanadischer Schauspieler, der in der Fernsehserie „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“ (The Young Indiana Jones Chronicles) den rückblickenden, Geschichten aus seinem Leben erzählenden, 93-jährigen Indy spielte.




ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25 + 26 / 2022 – Baumkrise II

Für den Etüden-Endspurt vor der Sommerpause durfte ich die Wörter spenden.
Ich habe mich für Wiedergeburt, antanzen und blümerant entschieden.
Hier kommt nun der zweite Teil meiner Geschichte rund um Mysterienmuseum und Weltenbaum.
Christianes Einladung und darüber der Zugang zu all den anderen Geschichten findet sich hier.

Baumkrise II

Nach einer extrem kurzen und wie man an den Gesichtern ablesen konnte, offensichtlich schlaflosen Nacht, trafen sich die Beteiligten der gestrigen Krisensitzung bereits frühmorgens erneut, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen.
Karl, der Finanzdirektor strahlte. Er hatte noch in der Nacht den Schamanen erreicht. Dieser hatte versprochen, schnellstens zu kommen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Er klang dabei so, als wäre eine Lösung möglich. Eben war auch schon eine Mail gekommen. Der Flieger aus Sidney würde um 20 Uhr landen. Karl würde also seinen Gast vom Flughafen abholen und direkt ins Museum bringen.
In der Zwischenzeit stand für den frühen Nachmittag eine Videokonferenz mit dem Schatzjäger an, bei dem der Direktor den Ableger des Weltenbaums erstanden hatte.
Dr. Jones kurzfristig antanzen zu lassen, wie Valentina das so derb ausgedrückt hatte, war nicht möglich.
Er befand sich auf Schatzsuche im brasilianischen Urwald, hatte sich aber, sobald er von den Problemen erfuhr, sofort bereit erklärt zu helfen.
So blieb für den Augenblick nur abzuwarten.
Carry verschwand daraufhin erst einmal wieder bei ihrem Sorgenkind.
Keyser, Valentina und ihre Schwester Mathilde trafen sich zum Frühstück in ihrem Stamm-Café.
Mathilde kicherte, als sie den Namen des Schatzjägers erfuhr: „Dr. Jones? Ehrlich? Wie in Indiana Jones? Ob sie verwandt sind? Oder er ist am Ende gar eine Wiedergeburt von Indy?“
„Keine Ahnung“, Keyser lächelte sie an, „Ich setze allerdings ehrlich gesagt eher auf den Schamanen. Hauptsache, das Bäumchen wird gerettet.“
„Ja“ ,stimmte Valentina zu, „Es wäre schrecklich, wenn der Baum einginge. Und ehrlich, wenn ich an die dann zu erwartenden Reaktionen der Öffentlichkeit denke, wird mir endgültig blümerant. Ein solcher Verlust wäre einfach durch nichts zu entschuldigen, geschweige denn wieder gut zu machen.“
Keyser trank seinen Espresso aus. „Kommt, lasst uns sehen, was Carry macht. Ich kann nicht untätig rumsitzen.“

— 300 Wörter —

ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25 + 26 / 2022 – Baumkrise

Für den Etüden-Endspurt vor der Sommerpause durfte ich die Wörter spenden. Ich habe mich für Wiedergeburt, antanzen und blümerant entschieden und bin hellauf begeistert, wie kreativ ihr alle mit diesen Worten umgeht.
Danke wie immer an Christiane für die anregenden Titelbilder und die liebevolle Betreuung.
Christianes Einladung und darüber der Zugang zu all den anderen Geschichten findet sich hier.

Meine Etüde knüpft an die vorherige an und spielt im Mysterienmuseum, wo gerade eine Krisensitzung tagt: Der gerade neu angeschaffte Weltenbaum-Ableger kränkelt.

Baumkrise

Seit Stunden saßen sie nun schon zusammen, die eilends zusammengerufenen Mitarbeiter des Museums und suchten nach Lösungen. Längst waren Kaffee und Schnittchen passé. Kaffeenachschub wurde nicht geordert, nachdem die PR-Frau stöhnend geäußert hatte, dass ihr von all dem Koffein schon ganz blümerant zumute sei. Dem hatten sich die anderen angeschlossen. Man war auf Wasser und Säfte übergegangen. Gerade war Keyser, der Assistent des Direktors, losgeschickt worden, um Pizza zu holen.
„Mir dröhnt der Kopf“, stöhnte Carry Brehm, die Chefbotanikerin des Hauses, „wir haben doch alles genau an die Gegebenheiten der Fundstelle angepasst. Erde, Klima. Trotzdem wird er welk und lässt die Äste hängen.“
„Ich sag ja, wir brauchen einen Druiden.“ Das kam vom Leiter Finanzen.
„Ach Karl, wo sollen wir einen echten Druiden herkriegen? Oder meinst du irgendwo zwischen all den New-Age-Druiden in Stonehenge und anderswo schwirrt eine Art Wiedergeburt von Merlin oder Miraculix herum und kann uns wirklich helfen?“ Der Direktor klang genervt.
„Dann eben einen Schamanen, ich kenn da jemanden in Australien.“ Karl ließ sich nicht beirren.
„Dann frag ihn, ob er helfen kann.“ Carry blickte den Direktor beschwörend an. „Wir müssen alles probieren.“
Keyser kam mit der Pizza. Alle stürzten sich darauf. Wer kaut, muss nichts sagen.
Valentina Meyer-Schlüterblitz, die PR-Frau, meldete sich schließlich zu Wort: „Chef, wie wäre es, wenn sie den Typen noch mal antanzen lassen, der uns den Ableger besorgt hat? Bei der horrenden Summe Geldes, die er uns abgeknöpft hat, kann er ruhig noch etwas tun. Vielleicht hat er ja eine Idee.“
So wurde es beschlossen. Gleich am nächsten Morgen würde der Direktor telefonieren. Die Versammlung löste sich fürs Erste auf.
Valentina, Carry und Keyser gingen noch einmal in die botanische Abteilung, um nach dem Baum zu sehen, der nach wie vor trostlos vor sich hinwelkte. Danach fuhren auch sie deprimiert nach Hause.

–300 Wörter–