ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 25+26/2021 – Geschätzte Kannibalen

Der letzte Etüdenaufruf vor der Sommerpause kommt einher mit der Wortspende von Monika, der Bloggerin von Allerlei Gedanken.
Die drei Wörter, welche sich geschmeidig in einen maximal 300 Worte umfassenden Text einfügen sollen, lauten
-Praline – herzhaft – wandern –.

Lieben Dank an Christiane für Einladung und Titelbild.

Geschätzte Kannibalen

In der Abenddämmerung beginnen sie durch meinen Garten zu wandern.
Auf ihrer Suche nach Futter hinterlassen sie deutliche Schleimspuren auf der Holzterrasse.
Schließlich tauchen sie im Dickicht des Erdbeerbeetes unter. Naschen hier und da an einer reifen Frucht, so als wäre es eine leckere Praline.
Als Nächstes entdecken sie das frische, zarte Laub von Salat und Aubergine.
Ihr Appetit auf Herzhaftes ist geweckt.
Die Wand des Hochbeetes hält sie nicht auf.
Sperren aus Schafwolle? Ich sehe förmlich, wie sie hämisch grinsen.
Kurzen Prozess machen sie mit den jungen Pflänzchen. Nicht einmal mehr ein Strunk wird am Morgen noch zu sehen sein, wo heute noch 20 kleine Salatpflanzen standen. Die Aubergine übersteht einmal mehr das Massaker zerzaust zwar, aber standhaft.
Doch noch bevor die gefräßigen, unbehausten Mundräuber ihr Werk vollendet haben, naht zum Glück unerwartete Hilfe für den Salat.
Familie Tigerschnegel ist auf der Jagd. Die drei auffällig gezeichneten großen Nacktschnecken vertilgen hungrig und kontinuierlich die eigene Verwandtschaft.
Da sag noch einer etwas gegen Kannibalismus …

Tigerschnegel (Limax maximus)
Von Christian Fischer, CC BY-SA 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16010864
ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 20+21 / 2021 – Nachdenken über Baracken

Diesmal ist Bernd (Red Skies Over Paradise) der Spender der 3 Begriffe, die in einem maximal 300 Worte umfassenden Text unterzubringen sind.
Seine Wahl fiel auf
Baracke – lau – widerfahren

Ein dickes Danke, wieder einmal an Christiane für Einladung, Moderation und nicht zuletzt die Titelbild-Vorschläge.

Nachdenken über Baracken

Bei Baracke kommt mir natürlich sofort der vorletzte amerikanische Präsident in den Sinn des Namens wegen …

Dicht gefolgt von Geschichtlichem, wie zum Beispiel „Nackt unter Wölfen“, diesem großartigen Buch von Bruno Apitz und der nicht minder guten DDR-Verfilmung.
Diese Geschichte beweist, dass es möglich ist, seine Menschlichkeit zu bewahren auch in der Zeit des allgemeinen Verlusts der selbigen.

Szenenbild aus der DEFA-Verfilmung von „Nackt unter Wölfen“ von 1958 u.a. mit Armin Müller-Stahl

Ich bin nicht endlos überzeugt von den Büchern, die wir in der Schule lesen mussten (wer ist das schon?), aber dieses ist neben Anna Seghers‘ „Das siebte Kreuz“ und Lessings „Nathan der Weise“ ein Buch, das mir wichtig geblieben ist und das mich geprägt hat.
Egal, was dir widerfährt: Wenn du die Quelle suchst, dann musst du gegen den Strom schwimmen.

Schließlich kommen Erinnerungen an meine Kindheit: das Abenteuerland bei den Nachbarn. Ein riesiges Grundstück, eine alte Villa mit diversen Nebengelassen. Remisen, das alte Gärtnerhäuschen, nur noch eine Baracke, ein Wäldchen. Alles hatte der Familie mütterlicherseits meiner beiden Freundinnen gehört, nach dem Krieg waren sie enteignet worden. Nun wohnten sie als Mieter im ehemals eigenen Haus. (Nach der Wende bekamen sie es zurück.)
Wir drei Mädels erkundeten die Nebengebäude, klimperten auf dem alten Klavier, stöberten in vergessenen Schrankkoffern. (Den dabei entdeckten Klappzylinder, liebten wir alle drei heiß und innig.)
Im Wäldchen bauten wir uns ein Baumhaus und spielten dann mit Vorliebe „Musketiere“. Die Jüngere von beiden Mädchen hatte langes blondes Haar und war immer die Schöne in Not. Wir andern beiden mussten sie retten. Aus irgendwelchen Gründen spielten immer auch Kunststücke auf der Schaukel eine besondere Rolle. Warum weiß ich heute nicht mehr. Die Bösewichte waren rein fiktiv. Manchmal brauchten wir auch Rollschuhe, um sie zu jagen.
Die Sommer meiner Kindheit waren nie lau, immer aufregend.
Heute ist das Grundstück bebaut, das Wäldchen abgeholzt, die Nebengebäude verschwunden.

Nur Erinnerungen noch …


— 297 Wörter —

ABC-Etüden, Gedankensplitter

ABC-Etüde KW 18 + 19 / 2021 – Jedem seine Fasson

Die aktuelle Schreibeinladung von Christiane kommt mit den schönen Worten
– Korsett – rechtsdrehend – dampfen –
einher. Danke an Nina für die Wortspende.


Jedem seine Fasson

Bodyshaping statt Bodyshaming oder wie es auf deutsch heißen könnte: „Fühlst du dich fett, greif zum Korsett“.
Es gelingt hiermit, sich einem Wunschbild zu nähern, ohne Sport und ohne aufs Essen verzichten zu müssen oder sich gar durch irgendwelche irren Diäten mit rechts-, links- oder auch gar nicht drehenden Lebensmitteln zu quälen, frei nach dem Motto: ‚Schlank durch Mangelernährung‘. (Jojo-Effekt inbegriffen)

Korsettnutzung ist nicht ausschließlich den Frauen vorbehalten.
Schon George IV, seines Zeichens König von Großbritannien, Irland und Hannover, versuchte, seinen durch Völlerei ausufernden Körper durch eine straffe Konstruktion aus Fischbein in Form zu zwingen.
Dem Vernehmen nach war der König zu hören, lange bevor er zu sehen war, weil das Korsett knarrende Geräusche von sich gab. Bewegen oder gar bücken konnte er sich wohl nicht. Aber wozu ist man König? Dafür gibts schließlich Personal.
Auch Götz George war angeblich Korsett-Träger. Liegt das vielleicht am Namen?

In den 68ern verteufelt, von Ärzten als schwer gesundheitsschädigend eingestuft, ist das Korsett einfach nicht totzukriegen. Glücklicherweise sind die heutigen Korsagen zumindest geräuschlos.
Und ja, gerade ein nicht ganz so üppig balkonierter Frauenkörper gewinnt durch das Verschieben der Pölsterchen durchaus an Struktur.

„Schönheit kommt von innen“?
Das mag sein, aber bis sich meine guten Eigenschaften endlich nach außen rumgesprochen haben, kann ich doch der Optik gelegentlich auf die Sprünge helfen, oder?
Zur Dauernutzung wäre das eh nichts für mich.
Heiße Sommertage und Korsett? Da dampft mir allein bei dem Gedanken schon der Schweiß aus allen Poren.
Auch liebe ich meine Bewegungsfreiheit. Muss ich mir doch mangels Personal leider immer noch selbst die Schuhe anziehen und zubinden. Ebenso das tiefe Durchatmenkönnen schätze ich sehr.

So bleibt mir auf Dauer nur der unbequeme Weg über Sport und FdH, wenn ich mich figürlich optimieren will. Oder ich akzeptiere mich einfach mal so, wie ich bin.


– 298 Wörter –


ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 16+17 / 2021 – Die Satellitenschüssel

Immer wieder und immer gern an dieser Stelle, danke an Christiane für die Einladung und das Titelbild.
Ein weiteres Dankeschön eilt in Richtung Wortspenderin, das ist diesmal Doro ( DORO|ART ). 

3 Wörter in einem maximal 300 Worte umfassenden Text unterzubringen, das ist, wie immer, die Aufgabe.
Die von Doro vorgegebenen Wörter lauten

Pfanne – glücklich – trennen

und führten mich knapp an der Küche vorbei, eine Stippvisite am Herd und ein Blick in den Küchenschrank ließen sich jedoch nun wirklich nicht vermeiden.

Die Satellitenschüssel

„Wo ist meine Pfanne?“
Die Hände in die Stelle gestemmt, an der bei anderen eine Taille sichtbar ist, die jedoch bei ihr wohlgepolstert getarnt ist, steht Alisha erzürnt vor ihrem Junior und seiner Clique.
„Die haben wir dringend gebraucht.“, antwortet Monika selbstbewusst.
Mohammed schweigt und betrachtet eingehend seine staubigen Schuhe.
Moses hält sich ebenfalls zurück. Den unbeteiligten Blick, den er dabei zur Schau stellt, hat er wohl bei seinem Kater abgeschaut.
Alishas Mundwinkel zucken bereits, als sie die Drei so betrachtet.
Bemüht, die Strenge beizubehalten, hakt sie nach: „Und wozu? Und warum ohne zu fragen?“
„Wir wussten doch, dass du es nicht erlauben würdest.“, das kam von Mohammed.
Für diesen Mangel an Diplomatie erntet er einen bitterbösen Blick von Moses.
Monika verdreht eindrucksvoll die Augen, ehe sie wieder das Wort ergreift: „Wir wollten für euch eine Satellitenschüssel bauen, weil der Fernsehempfang bei euch doch so mies ist.“
Wenn die Kleine nur nicht so viel Charme hätte!
Dennoch versucht Alisha ernst zu bleiben: „Aha. Eine nette Idee. – Und so uneigennützig.“ Daraufhin entwischt Moses, der für Ironie immer empfänglich ist, ein kleines Grinsen.
„Und funktioniert’s?“
„Nein ging nicht. Wir wollten die Pfanne eh grad zurückbringen. Sie ist nur irgendwie ein bissel schmutzig geworden.“
„Soso, irgendwie ein bissel. Na dann – ab in die Küche ihr drei. Du, mein Sohn, wirst die Pfanne schrubben. Ich erwarte ein glanzvolles Ergebnis.“ Mohammed nickt.
„Ihr anderen beiden helft mir, das Essen vorzubereiten: Eier trennen und Gemüse schnippeln.
Wenn dann die Pfanne wieder einsatzfähig ist, machen wir eine große Portion Shakshuka für alle.“
Nun strahlen die drei Kinder glücklich.
Das ist ja noch mal glimpflich abgegangen.
Alisha dreht sich um und geht schnellen Schrittes vor in Richtung Küche, um endlich ungesehen lachen zu können.

-289 Wörter-

ABC-Etüden, Abendseglergeschichten

ABC-Etüde KW 12+13 /2021 – Marketingidee

Ostern steht vor der Tür und darf nur mit Impf- oder wenigstens zweiwöchigem Quarantänenachweis rein.
Das sind schwere Zeiten für Osterhasen und solche, die es werden wollen.
Was gibt es Schöneres, als wenigstens die Fantasie unbegrenzt auf Reisen zu schicken?
Dazu lud Christiane wieder ein, unterstützt diesmal durch die Wortspende von Puzzleblume:

Dackelfalten – fruchtig – scheppern.

Danke dafür euch beiden.

Warum ich Dackelfalten mit Nicolas Cage assoziiere?
Der Begriff ‚Dackelfalten‘ ist für mich ein Synonym für Besorgnis und Traurigkeit.
Nicolas Cages introvertierte, leicht melancholische Ausstrahlung in Kombination mit der Stimme des deutschen Synchronsprechers (Martin Keßler) ist für mich gewissermaßen die Personifizierung von Dackelfalten.
Zudem war es Zeit, mal wieder im Mysterienmuseum vorbeizuschauen.
Und siehe da, wir platzen mitten in eine Aufsichtsratssitzung und in die Vorstellung einer

Marketingidee

„Gestern hatte ich einen Termin mit Nicolas Cage. Er möchte gern für seinen neuesten Fantasyfilm echte Artefakte aus unserem Museum als Requisiten nutzen.“
Valentina Mayer-Schlüterblitz schaut fragend in die Runde, bestehend aus den wichtigsten Aufsichtsratsmitgliedern, der Sicherheitschefin, dem Museumsdirektor und seinem Adlatus Keyser. Sie blickt in eine Mischung verschiedener Pokerfaces.
„Eine Nennung mit Dank im Abspann ist eine gute Werbemaßnahme.
Ich kann mir vorstellen, dass andere Aufträge dieser Art folgen. Dass wir uns derzeit mit Einnahmen aus unserem Onlineshop nur mit Mühe über Wasser halten, muss ich ihnen ja nicht sagen.“, unterstützt sie der Prokurist.
„Natürlich können wir gerade jetzt jede Einnahme und Werbung brauchen. Die Idee ist reizvoll“, der Direktor wirkt unentschlossen.
„Das klingt gut, aber können wir das verantworten?“, kommt es skeptisch von der Sicherheitschefin.
„Die Produktionsfirma ist umfassend versichert. Die Entscheidung, welche Stücke wir verleihen, liegt ganz bei uns. Es soll eine Art Zauberladen eingerichtet werden. Die uns angebotene Mietgebühr ist beeindruckend.“
Alles schauen vor sich hin, niemand will die Entscheidung anstoßen.
Es scheppert. Danach ertönt Torjubel aus Richtung Papierkorb. Alle schrecken auf.
„Getroffen“, Keyser reckt die Faust, sieht sich dann betreten um, “ `tschuldigung“.
„Nachdem nun mein Assistent bewiesen hat, dass er mit Papierkugeln den Abfalleimer trifft, sind augenscheinlich wieder alle wach.“, der Direktor erhebt sich.
„Ich sehe, dass wir derzeit zu keiner Entscheidung kommen. Frau Mayer-Schlüterblitz, bitte legen sie mir den vorläufigen Vertragsentwurf auf den Schreibtisch. In kleiner Runde“, er schaut Sicherheitschefin, Hausjuristen und Marketingfrau der Reihe nach an, die alle drei nicken, „werden wir morgen einen Vorschlag erstellen. Dann können wir übermorgen abstimmen.“ Er nickt der Runde zu und geht.
„Kaffee?“, Keyser hakt sich bei Valentina ein, „Mathilde kommt auch. Sie schwärmt von Nicolas und seinem traurigen Blick. Dackelfalten nennt sie es.“
„Ich weiß. Bin dabei. Aber kein Kaffee! Ich brauche einen fruchtigen Erdbeershake.“


Toooor! – genau 300 Wörter



PS: Das genannte Scheppern samt Torjubel vom Band, wenn eine Papierkugel ins Netz trifft, gibt’s bei uns im Büro gelegentlich, wenn einer der Kollegen Frustabbau betreibt.