ABC-Etüden

Extra-Etüde KW 5 /2022 – Die Entscheidung

Es ist Extra-Etüdenzeit. Danke an Christiane für die Einladung und das Titelbild.
Die Worte für die maximal 500 Wörter umfassende erste Extraetüde 2022 kommen aus den vorangegangenen 4 Wochen, also von Ludwig Zeidler und von Tanja mit ihrem Blog Stachelbeermond und lauten

Hoffnungsschimmer – unverzeihlich – nähen
Wackelpudding – unverdrossen – knistern

Mindestens fünf davon sollen sich im folgenden Text wiederfinden.
Inspiriert ist das Folgende durch „Ocean’s Eleven“ und daraus folgende Was-wäre-wenn-Gedanken.
Na dann …

Die Entscheidung

Ihre Beine fühlten sich schon wie Wackelpudding an, als sie ins Bad wankte und ihren müden Körper in die Wanne hievte. Aufseufzend sank sie in das warme Wasser, schloss die Augen, griff nach dem Rasierer und erinnerte sich.
Sie war sechzehn gewesen, als sie den geheimnisvollen, attraktiven Bad-Boy kennenlernte. Es hatte sofort zwischen ihnen gefunkt. Naive Gans, die sie war, romantisierte sie sich ihre Zukunft zusammen. Er war ihr Danny, sie seine Tess.
Was immer er auch anderen antun mochte, zu ihr war und blieb er liebevoll und charmant.
Sie sah ihn als eine Art Robin Hood, tat er doch mit dem Großteil seiner Beute Gutes; spendete für Tierheime, Hospize, Kindergärten, meist im Namen seiner Opfer, die dann dagegen nicht gut ohne Gesichtsverlust vorgehen konnten.
Er war überzeugt, dass es in Ordnung sei, andere, wie er sagte, zu ihrem Glück zu zwingen. Er war sicher zu wissen, was das Richtige für alle wäre. Sie glaubte an ihn und an seine Überzeugungen.
Als sie 21 wurde, heirateten sie. Ihr Hochzeitskleid wollte sie selbst nähen. Doch das wäre aus seiner Sicht unverzeihlich gewesen: „Du sollst es bei mir gut haben, du musst dir nicht die Finger zerstechen.“ Er schickte sie zu einem teuren Brautausstatter. Da waren ihr zum ersten Mal Zweifel gekommen.
Heute wusste sie: Mit jeder Entscheidung, die er wohlmeinend für sie getroffen hatte, mit jedem Nachgeben wider besseren Wissens hatte sich die Tür des, zugegeben, goldenen Käfigs ein bisschen mehr geschlossen, war sie mehr und mehr entmündigt worden.
Ihre Mutter hatte sie vor der Trauung umarmt und geweint. Oft hatte sie sie gewarnt, aber war auf taube Ohren gestoßen.
Schließlich war sie erwachsen, wollte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Unverdrossen hatte sie zu ihm gehalten.
Heute Nachmittag war er zu ihr gekommen, mit teurem Whisky und einem großen Blumenstrauß in knisterndem Zellophan. „Ich möchte etwas mit dir besprechen.“
Ein kleiner Hoffnungsschimmer machte sich in ihr breit. Wollte er endlich aufhören? Wollte er ihr sagen, dass er sich stellen würde und sie bitten auf ihn zu warten, damit sie ein neues Leben anfangen können, wenn er seine Strafe abgesessen haben würde? Natürlich würde sie!
„Ich finde es ist an der Zeit, eine Familie zu gründen. Du solltest also die Pille absetzen, denke ich.“
Sie konnte ihn nur anstarren. Mit einem Schluck kippte sie ihren Whisky, riss sich zusammen und sagte, so ruhig es ihr möglich war: „Das kommt plötzlich, lass mir ein paar Tage, um darüber nachzudenken.“
„Natürlich. Ich muss noch mal weg. Warte nicht auf mich.“
Da war er, der Moment der Entscheidung.
SIE hatte sich aus Liebe eingelassen auf das Leben neben einem Verbrecher.
Aber ihrem Kind würde sie das niemals zumuten.
Ihn zu verraten kam nicht infrage.
So tat sie, was ihr aus ihrer Sicht zu tun blieb.
Ihr Brief war kurz und liebevoll.
Er fand sie am Morgen in der Wanne.
Der Arzt klopfte ihm tröstend auf die Schulter: „Schlaftabletten und aufgeschnittene Pulsadern. Mein Beileid.“
Er machte weiter wie bisher, überzeugt, es für sie zu tun.

— 500 Wörter–

4 Gedanken zu „Extra-Etüde KW 5 /2022 – Die Entscheidung“

  1. Was für eine Tragödie. Ich finde es trotzdem interessant, dass es der einzige Ausweg ist, den sie sieht, die Ärmste. Und dass er überhaupt kein Gespür hat, wie es ihr wirklich geht. Tragisch.
    Prima, dein Text! 😁 Schön, dass du mitgeschrieben hast, ich freue mich sehr! 😁👍
    Nachmittagskaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

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