ABC-Etüden

ABC-Etüde KW 40+41 / 2021: Geheime Künste

Und da war sie wieder: Christianes Schreibeinladung mitsamt zwei tollen Titelbildvorschlägen zum Erfinden einer neuen Etüde mit maximal 300 Wörtern…
Diesmal stammt die Wortspende von Yvonne (ihr Blog heißt „umgeBUCHt“)
und lautet
Geheimkünstler / sperrig / suggerieren.

Geheime Künste

Die Gerüchteküche brodelte. Da niemand Genaues wusste, uferte die Schwarmfantasie aus. Es begann damit, dass die heruntergekommene Ruine am Stadtrand plötzlich renoviert wurde. Die Bauleute kannten ihren Auftraggeber nicht persönlich. (Was ihnen aber auch egal war, solange sie ihr Geld bekamen.)
Die absurdesten Ideen kursierten. Vom Prominentenrückzugsort über Unaussprechliches, Verbotenes bis zur Geheimsekte war so ziemlich alles am Start.
Als Nächstes kamen Umzugswagen voller sperriger, massiver Bücherregale und Bücherkisten.
Dann wurde ein edles, aber unauffälliges Namensschild angebracht: „G. Heim“. Eine Klingel gab es nicht.
Die Städter pilgerten auf ihren Sonntagsnachmittags-Verdauungsspaziergängen am Grundstück vorbei in der vergeblichen Hoffnung auf irgendeinen Hinweis, wer hier wohl was täte.
Von Zeit zu Zeit gab es Einladungen an Einzelne. Doch wer hoffte, danach von den Eingeladenen mehr zu erfahren, wurde enttäuscht. Schönes Haus. Nettes Gespräch. Freundlicher Gastgeber. Ein besonderes Geheimnis entdeckte niemand.
Einige von ihnen gingen nie wieder in das Haus, andere eine Zeit lang regelmäßig.
Aufmerksame Beobachter hätten feststellen können, dass letztere irgendwie glücklicher, erfolgreicher und zufriedener mit und in ihrem Leben wirkten, wohingegen die anderen eher zu den ewig Unzufriedenen zählten, die in der ständigen Suche nach einem Schuldigen für ihr vermeintliches Scheitern nie auf die Idee kamen, dass sie sich selbst im Wege standen.
Mit der Zeit legte sich die Neugier. Andere Aufreger füllten die Köpfe. Das Haus am Stadtrand wurde kaum noch erwähnt.
Genau das hatte G. Heim gewollt. Er selbst sah sich als graue Eminenz. Während er anderen Gedankenanstöße gab, gelang es ihm meist, ihnen gleichzeitig zu suggerieren, dass es ihnen selbst eingefallen sei. Er brauchte kein Lob, keine Ehrung für seine Tätigkeit. Er war der Zuhörer, der Trigger. Ihn freute es, wenn die Menschen um ihn herum an ihren Aufgaben wuchsen, Sinnvolles taten und glücklich waren.
Wer ihn nach seinem Beruf fragte, bekam mit einem Lächeln die Antwort: „Geheimkünstler„.


–300 Wörter–








10 Gedanken zu „ABC-Etüde KW 40+41 / 2021: Geheime Künste“

  1. Ich habe noch eine Bezeichnung für Herrn G. Heim: Philanthrop. Es kommt mir vor, als ob das dieser Tage von eher wenigen angestrebt würde, noch dazu so ganz ohne Krach und Bumm. Gefällt mir sehr, sowohl die Geisteshaltung als auch die Etüde. 😉👍
    Vielen Dank, ich hatte dich schon vermisst. 😁
    Abendgrüße 😁✨🍷🧀🍪👍

    Gefällt 3 Personen

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