Abendseglergeschichten

Abendseglergeschichten

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27. Januar 2020 – Gestatten? Paula.

„Haaaallo, ist da jemand? – Mist, hab ich mich doch wieder verflogen. Verflixter Ultraschall.“ Heftiges Flattern begleitet die Stimme in meinem Kopf.
Was ist das denn? Werde ich jetzt endgültig verrückt? Hilfe, ich höre Stimmen!
Es ist einer jener lauen Sommerabende, an denen, im Versuch die Wärme aus dem Haus zu bekommen, sämtliche Fenster weit offen stehen.
„Haaaaaallo? Jemand zuhause? Ich bräuchte mal Hilfe. Ich find nicht raus.“
Das gibt’s doch nicht…einfach ignorieren.
„Ganz schlechte Idee. Wenn du mich schon hörst, dann hilf mir auch, verflixter Ultraschall noch mal.“
Jetzt liest meine fixe Idee auch schon meine Gedanken.
„Also erlaube mal, ich bin doch keine fixe Idee! Gestatten, Barbastella barbastellus. Aber das nur hochoffiziell. Du kannst mich Paula nennen.“
„Barbara…bastel….WAAAS?“
„Ganz banal ‚Mopsfledermaus‘, lateinisch klingt’s halt besser. Aber das ist jetzt belanglos. Ich heiße Paula. Und jetzt komm endlich und hilf mir.“
Okay, ich geb auf. „Wo bist du?“
„Hier.“ Wieder höre ich Flügelflattern, es scheint aus der Dachstube zu kommen. Also gehe ich dem Geräusch nach.
Als ich auf dem Dachboden Licht mache, ertönt ein gequältes Stöhnen. „Oh Mann, so grell! Ich werd‘ blind.“
Tatsächlich – eine Fledermaus. Ich dimme das Licht.
„Was tust du hier?“
„Ich bin falsch abgebogen, in deinem Gartenteich plätscherte es so anheimelnd und es gab reichlich Futter. Nach dem Abendbrot hab ich dann ein bissel die Orientierung verloren.“
„Aha. Und wo wolltest du hin?“ „Nach Hause natürlich – zu Heinos Kuhstall.“
Ich gehe zum Fenster. „Flieg ganz einfach wieder hier raus und halt dich links, dann kannst du’s eigentlich nicht verfehlen.“
„Danke. Hübscher Papiertiger übrigens. Bis neulich.“
Damit flattert sie davon. Ich starre auf meinen Origami-Versuch, an dem ich den ganzen Abend rumprobiert habe. Eigentlich sollte es ein Schaf werden…

Photo by HitchHike on Pexels.com

„Man kann nicht jeden retten.“ Das stimmt natürlich und birgt den schwer zu verwirklichenden Anspruch sinnvoller Auswahl in sich…
Nun fühle ich mich der Fledermaus sehr verbunden, schließlich gibt sie diesem Blog Namen und Motto.
Auch scheint es mir durchaus sinnvoll zu sein, sich zunächst in seiner unmittelbaren Umgebung nützlich zu machen, ehe man anderswo die Welt rettet.
Das sind so die Vorgedanken zum folgenden Kapitel meiner Geschichte mit Paula.

1. März 2020 – Paula schläft nicht

Es klopft dumpf am Dachfenster, so als ob ein Vogel dagegen geflogen wäre.
Ich eile, um zu schauen und eventuell zu helfen. Kein Vogel, sondern eine nicht ganz unbekannte Gestalt, schwebt vor dem Fenster. Paula besucht mich.
Schnell öffne ich das Fenster.
„Uff, deine Fenster sind verdammt hart. Verflixter Ultraschall.“
„Entschuldige, aber wer rechnet denn mit dir? Solltest du nicht noch Winterschlaf halten?“
„Viel zu warm und außerdem entsetzlich viel los im Wald, seit sie diesen Kletterparcours gebaut haben. Das Waldstück war eh schon winzig.“
„Wieso im Wald, ich denke, du wohnst im Kuhstall?“
„Hallo? Ich bin eine Waldfledermaus! Informiere dich gefälligst mal bei BatLife oder beim NABU.“
„Bei BatLife … ?“
Das ist eine europäische NGO der Fledermaus-Schützer mit Sitz in London. Übrigens …“, sie schwebt wichtig vor mir auf und ab, “ Tadaaaah! BatLife Europe hat die Mopsfledermaus zur ‚Fledermaus der Jahre 2020-21‘ erkoren.“
„Gratuliere. „
„Sag mal, mit wem redest du eigentlich?“, höre ich aus der Küche.
„Mit Paula. Sie ist Fledermaus des Jahres.“
„Ah!“
Irre, wie viel Skepsis und Sarkasmus in eine Silbe passen.
„Na gut, Frau Dr. Dolittle. Ich geh joggen.“
Paula kichert. „Nicht ärgern, er hört mich halt nicht.“
Plötzlich hat sie es ebenfalls eilig.
„Ja, ich flieg dann auch mal wieder. Muss schauen, wo ich Futter herbekomme. War nett, mit dir zu plaudern. Man sieht sich.“
Weg ist sie. Ab in den Sonnenuntergang. Welch ein Klischee!
Als ich mich umdrehe, sehe ich meinen Kater auf der Treppe, bemüht harmlos schauend. Aha, daher die Eile.
Ich setz mich befehlsgemäß an meinen Laptop und schaue mir die Websites von NABU und BatLife an.
Überlege dabei, wie sich der Brexit wohl auf derartige Organisationen auswirkt.
Plane einen Fledermauskasten im Garten als Zweitwohnsitz für Paula.
Außerdem ein Insektenhotel.
Ja. Das könnte ich doch schon mal bauen, bevor die Gartensaison wieder losgeht.


Und dann will ja noch die Geschichte vom Mysterienmuseum aufgeschrieben werden, die sie mir erzählt :

Photo by James Wheeler on Pexels.com

19. April 2020 – Tags im Museum

Und wieder, wie fast täglich in den letzten Wochen, seit sie ihn entdeckt hat, steht sie im Mysterienmuseum vor dem großen gläsernen Kasten mit dem kleinen goldfarbenen Schild, auf dem im 3 Sprachen und zusätzlich in Blindenschrift steht:
Aladins fliegender Teppich
Herkunft persisch (Isfahan), handgeknüpft
Flor: Korkwolle,
Schuss und Kette: Seide
Knüpfdichte: um 700.000 Knoten/m²
ca. 1500 v. Chr.
Und wieder scheint ihr der Teppich unglücklich, schlapp und müde auszusehen, wie ein Vogel, eingesperrt im Käfig.
„So ein Quatsch“, meint ihre innere ‚vernünftige‘ Stimme, „das ist ein Gegenstand, der hat keine Gefühle“.
Aber sie fühlt es doch deutlich in sich, dieses Sehnen und Rufen und da: Hat er nicht ganz leicht mit den Fransen geflattert? Als wolle er ihr zunicken?
Der Museumsdirektor betrachtet sie irritiert. „Den Teppich gelegentlich fliegen lassen? Oder wenigstens in einen größeren Ausstellungsbereich mit –mehr Bewegungsfreiheit- verlegen? Liebe Dame, das geht keinesfalls! Was, wenn er beim Fliegen Schaden nimmt? Und wissen sie, wie aufwendig es wäre, in einem größeren Raum Motten und ähnliches Getier fernzuhalten? Das kostet Unsummen, das kann ich nicht verantworten. Der Aufsichtsrat genehmigt das keinesfalls.“
Liebe Dame?! Oh, wie sie dieser herablassende Art hasst! Aber sie will etwas erreichen, also ist jetzt nicht der Zeitpunkt gekränkt zu reagieren. Daher schluckt sie den Ärger und versucht es nochmals.
„Ja, aber er ist ein FLIEGENDER Teppich. Wenn man ihn auch fliegen SEHEN könnte, das würde doch auch mehr Besucher anlocken.“
„Ausgeschlossen. Ich weiß ihren Einsatz zu schätzen, muss sie aber bitten, jetzt zu gehen. Ich habe einen wichtigen Termin.“
Sie erkennt, dass sie so hier nicht weiter kommt und geht wortlos.
Jetzt ist Zeit für Plan B. Ans Aufgeben denkt sie noch lange nicht.

19. April 2020 – Tags im Museum II

„Dieses durchgeknallte Weibsbild!“, wutentbrannt wirft der Museumsdirektor die neueste Ausgabe der BLIND auf seinen gläsernen Schreibtisch.
„Keyser!“
„Ja, Sir?“
„Haben sie das gelesen?“, anklagend weist ein direktorialer Zeigefinger auf den Leitartikel.
„Nein, Sir.“
Geschickt fängt Keyser die Zeitung auf, die ihm mit Schwung zugeworfen wird und liest:
Der Teppichfake – Museum betrügt seine Besucher
Der Mysterienforscher Al Dani bekundet gegenüber unserem Reporter ernstzunehmende Zweifel an der Echtheit diverser Exponate des Mysterienmuseums, allen voran des angeblich fliegenden Teppichs.
„Abgesehen davon, dass niemand den ausgestellten Teppich je hat fliegen sehen, wäre es auch erstaunlich, wenn er mehr könnte, als im Wind zu flattern. Tatsache ist, Ishafans konnten noch nie fliegen. Nur wenn es ein Täbris wäre, dann wäre es denkbar.
Zweitens hegen Altertumsforscher enorme, begründete Zweifel, dass es den Teppich von Aladin überhaupt noch gibt. Experten gehen davon aus, dass bei einem Brand in Bagdad nicht nur der legendäre Aladin ums Leben kam, sondern auch sein Teppich verbrannte.“
Wir versuchen, zu diesem und anderen Punkten eine Stellungnahme des Museums zu erhalten.
Lesen Sie morgen: ‚Lügen haben kurze Beine – die Wahrheit über die Siebenmeilenschuhe des kleine Muck und andere Exponate aus der Schuhabteilung des Mysterienmuseums.‘
„Stimmt das?“
„Natürlich nicht. Der Teppich kann sehr wohl fliegen. Aber ich lasse mich von dieser FRAU nicht vorführen und schon gar nicht erpressen!
„Welche Frau, Sir?“
„Diese Irre, die gestern hier war, um mehr ‚Freiheit‘ für den Teppich zu fordern. Finden sie sie! Ich will wissen, was sie plant. Ich kontaktiere derweil die Zeitung. Der Artikel morgen kann tatsächlich echten Ärger bedeuten.“
„Die Siebenmeilenstiefel?“ „Nein, die gläsernen Schuhe!“
„Was ist mit ihnen?“. „Plexiglas. Die Originale sind beim Transport hierher zerbrochen.“

Einige Straßen weiter sitzt eine junge Frau am Tisch in einem kleinen Straßencafe bei ihrem Espresso, liest Zeitung und lächelt: „Dieses war der erste Streich…“

Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com

22. April 2020 – Teppichwissen

„Wie geht es denn nun weiter? Kommt der Teppich frei?“
Kaum kommt Paula in der Abenddämmerung hereingeflattert, da überfalle ich sie mit meiner Neugierde. Den ganzen Tag hab ich gegrübelt, jetzt will ich Antworten.
Aber Paula lenkt mal wieder ab.
„Weißt du eigentlich, was dazu erforderlich ist, um einen fliegenden Teppich zu weben?“
„Nein, natürlich nicht. Zauberei wahrscheinlich.“
„Ja, sicher, Zauberei auch. Aber da ist ebenso viel grundsolides, handwerkliches Geschick erforderlich. Neben den üblichen Zutaten wie Wolle, Seide oder meinetwegen auch Baumwolle, braucht es spezielle Beigaben, je nachdem, was so ein Teppich können soll.
Nur die geschicktesten, geduldigsten Spinner sind in der Lage aus Vogelflaum Garn zu spinnen. Der perfekte Teppich braucht die richtige Mischung aus Vogelflaumgarn.  Die besten Flugeigenschaften liefert natürlich Adlergarn.
Albatros-Teppiche dagegen haben ziemliche Startprobleme, aber einmal in der Luft, trotzen sie jedem Sturm.
Ein ornithologischer Blindgänger hat mal Pinguinflaumgarn benutzt. Naja. Der Teppich war zwar wunderbar wasserabweisend, aber mit dem Fliegen war’s Essig.
Weitere Spezialzugaben für besondere Fähigkeiten sind beispielsweise Feldermaus-Brusthaar von Woll-Fledermäusen für eine bessere Nachtsicht.
Der absolute Hammer jedoch ist Kettgarn aus Phönixfeder. Damit ist der Teppich auch durch Feuer praktisch unzerstörbar. Aber einen Phönix in der Mauser zu erwischen, ist ein seltener Glücksfall. Entsprechend rar ist das Garn.“
„Wahnsinn.“
„Ja.“
„Und der Teppich im Museum?“
„Der Teppich im gläsernen Würfel im Museum war ein absolutes Meisterstück. Und ja, er war der Teppich aus Schahrasads Geschichte. Und ja, er war damals
in Bagdad verbrannt.“
„Heißt das, er war nach dem Brand gewissermaßen wieder auferstanden?“
„Natürlich war er das. Was denkst du, wie er Jahrhunderte überstehen konnte?!“
„Ja, aber wie ist er dann im Museum gelandet? Warum hat er sich einfangen lassen? Und woher hast du eigentlich diese Geschichte?“
„Wart’s ab. Tschüss.“
…und weg war sie. Verflixt.

2. Mai 2020 – Zwei Wochen später: Sorgen um Paula

So ganz langsam beginne ich, mich um Paula zu sorgen. Sonst vergehen keine 3 Tage, bis sie sich wieder blicken lässt, nun ist sie schon seit 14 Tagen nicht wieder hereingeflattert.
Es geht mir dabei nicht nur um ihre Geschichte und die Fragen, die ich dazu habe. Sie ist so ein kleines Wesen, ihr kann alles Mögliche passiert sein.
Und wenn gar irgendein hysterischer Corona-Bekämpfer jetzt Jagd auf Fledermäuse macht? Nicht auszudenken.
„Bleib auf dem Teppich“, sagt der Verstand,“ die hat so viele Tricks auf Lager, die kommt nicht unter die Räder.“
Naja, stimmt eigentlich, schließlich schafft sie es auch, mit mir telepathisch zu kommunizieren. Und entgegen anderslautenden, böswilligen Vermutungen ist das bei mir nicht an der Tagesordnung. Weder höre ich normalerweise  Stimmen noch sehe ich Geister oder ähnliches.
Trotzdem bleibt die Frage, wo steckt sie bloß?
Hach, so eine gläserne Wahrsagekugel wäre jetzt schön.
Oder ein magischer Pendel, um sie zu orten.
Ob sie so was im Mysterienmuseum auch haben? Bestimmt.
Aber wie, verflixt noch mal, passt Paula in die Geschichte, oder hat sie sich das doch nur alles ausgedacht und muss jetzt erst überlegen, wie es weitergehen soll, ehe sie wieder auftaucht?
Hauptsache es geht ihr gut. Hoffentlich kommt sie bald.

3. Mai 2020 – Tags im Museum III

„Keyser!!!“. Gut gelaunt und braun gebrannt sitzt der Direktor hinter seinem Schreibtisch. „Chef?“
„Wo sind die Informationen über diese Weibsperson?“
„Tut mir leid, nicht einmal eine Adresse ließ sich ermitteln. Allerdings hatte ich auch nicht besonders viel Zeit.“
„Was hatten sie schon groß zu tun, außer, alles am Laufen zu halten?“, tut der Museumsdirektor diesen Einwand großspurig ab.
„Nun ja, da war zunächst die Artikelserie in der BLIND, die noch weiter lief und uns massive Einbußen bei den Besucherzahlen bescherte.“
„Unmöglich, der Chefredakteur hat mir bei unserer Segeltour fest versprochen, die Serie sofort einzustellen.“
„Nun ja, ‚SOFORT‚ ist relativ. Es gab noch 6 weitere Artikel, ehe die Serie endete. Ich habe ihnen alles auf den Desktop gelegt. Kaum war die Artikelserie durch, da gab es von anonymer Seite an alle großen Callcenter landesweit den Großauftrag zu einer Umfrage. Hier sind die Fragen.“
Der Direktor wird unter seiner Bräune immer blasser. „Die wollen MEIN schönes Museum in einen Erlebnispark umwandeln? Die wollen die Mysterien nicht nur hinter Glas SEHEN, sondern ERLEBEN? Ja sind die denn wahnsinnig? Wissen diese Weltverbesserer eigentlich, was das kostet und wie gefährlich das ist?“
„Das Umfrageergebnis war eindeutig und nicht totzuschweigen. Die Besucher wollen einbezogen werden.“
„Und weiter?“
„Naja, nachdem BLIND vorgestern die Umfrageergebnisse veröffentlicht hatte, tagte gestern kurzfristig der Aufsichtsrat. Unsere PR-Managerin Valentina Mayer-Schlüterblitz wurde mit der Neukonzeption des Mysterienmuseums beauftragt, um Ruf und Attraktivität des Hauses wieder herzustellen. Es soll nächste Woche präsentiert werden.“
„Ausgerechnet Frau Doppelname! Die wird mein schönes Museum kaputtmachen. Warum erfahre ich das erst heute?“
„Sie wissen selbst, Chef, wenn sie mit ihrem Katamaran unterwegs auf Mysterienjagd sind, dann sind sie oft nicht erreichbar, trotz Satellitentelefon …“
In dem kleinen Straßencafé in der Nähe sitzen zwei junge Frauen beim Espresso und kichern: „Dieses war der 2. Streich.“

16. Mai 2020 – Teppichbekenntnis

Leise vor sich hin summend schlendert Keyser durch das Mysterienmuseum.
Ihm gehen die überraschenden Neuigkeiten des Vortages durch den Kopf.
Valentina Mayer-Schlüterblitz hatte dem Aufsichtsrat vielfältige Maßnahmen zur Umgestaltung des Museums vorgeschlagen. Beim Thema „Fliegender Teppich“ verwies sie auf das ursprüngliche Museumskonzept des Direktors. Sie erwähnte ihr Erstaunen, dass der darin bereits als besondere Attraktion geplante Teppich-Flugraum nie eingerichtet worden war. Als sich daraufhin aller Augen fragend auf seinen Chef richteten, hieß es für diesen, Farbe zu bekennen.
Von seiner üblichen, großspurigen Art war nichts übrig, als er erzählte, wie er auf dem Heimweg von einer Mysterien-Einkaufstour mit seinem Katamaran in einen Sturm geriet. Alle neu angeschafften Artefakte wurden wild herumgewirbelt. Dabei musste der Teppich mit Dornröschens Spindel in Kontakt gekommen sein. Seit jenem Tag flog er nicht mehr. Dem Direktor war daraufhin nichts anderes eingefallen, als die Sache totzuschweigen, sein Ausstellungskonzept klammheimlich zu ändern und eine Lösung zur Erlösung des Teppichs zu suchen. Ganz kleinlaut war der Chef plötzlich.
Jetzt verstand Keyser auch, warum sich der Teppich kaum bewegte, warum nur manchmal eine sanfte Welle über ihn hinweg glitt, wie bei einem Hund, dem im Traum die Pfote zuckt.
Der Direktor hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, wie sich der Fluch der Spindel auf Teppiche auswirkt und wie er zu brechen wäre.
Es war nicht einfach, die Frage zu klären, was wohl ‚der wahren Liebe erster Kuss‘ in Bezug auf einen Teppich sei.
Wahrscheinlich würde nach einhundert Jahren der Fluch einfach enden.
Die bisher vielversprechendste Möglichkeit, den Teppich früher zu wecken, eröffnete die uralte Überlieferung eines legendären Teppichwebers. Er empfahl arabische Flötenmusik. Natürlich mit einer Zauberflöte, wie der Rattenfänger von Hameln eine besaß. Nur leider war die Suche nach einem solchen Instrument bisher erfolglos.
Keyser bleibt vor dem Glaskasten stehen. „Wir kriegen dich wach. Versprochen.“

17. Mai 2020 – Pampelmuse

Paula hat sich gestern Abend wieder sehen lassen und eine regelrechte Hasstirade vom Stapel gelassen:
„-Der wahren Liebe erster Kuss-! Pah, so ein Quark, verflixter Ultraschall. Ihr Menschen spinnt doch. Was ist an der Fixierung auf Äußerlichkeiten und dem Versuch, durch eine besondere Heldentat berühmt zu werden, bitteschön wahre Liebe, außer vielleicht zu sich selbst? Ist dir mal die Idee gekommen, dass die, ach so schlimme, dunkle Fee damals die Prinzessin vor Oberflächlichkeit beschützen wollte? Dass sie versucht hat, sie vor einem Leben als Vorzeigeobjekt zu bewahren? Dass es völlig gereicht hätte, sich ernsthaft für das Mädchen zu interessieren? Dann wäre sie jederzeit von allein aufgewacht. Denk nur an Schneewittchen.“
„Du meinst, der Fluch war nicht als solcher gedacht?“
„Was bist du heut wieder begriffsstutzig.“, sie schüttelt sich. „Natürlich nicht, oder meinst du, um auf unseren Teppich zurückzukommen, irgend ein aufmerksamkeitsgeiler Flokati müsste den edlen Perser nur schön genug finden, mal kurz kuscheln kommen und schon wäre alles in Butter?“
„Nicht?“
„Natürlich nicht.“
„Das bedeutet, den Teppich wie Schneewittchen mit samt seinem Glaskasten einfach fallen lassen und boops ist er wach?
„Vielleicht? Das musst du doch wissen.“
„Iiich?“
„Na, du schreibst doch die Geschichte.“
„Ja, aber du erzählst.“
„Ich sag’s ja, begriffsstutzig.“
„Also hör mal …“
„Selbst deinem Kater ist es längst klar.“
Ich schaue auf meinen Kater, der mal wieder die Treppe blockiert und dabei gekonnt Desinteresse heuchelt, so wie die Katzen es perfektioniert haben.
„Was hat er begriffen?“
„Dass ich deine Muse bin!“
„Meine Muse!“
„Was ist daran jetzt so erstaunlich? – Glaubst du allen Ernstes, wir müssen immer all euren klischeehaften Vorstellungen entsprechen? Wer hat denn seinen Blog ‚Die Fledermaus‘ genannt? Da musst du dir das doch denken können …“
„Entschuldige, das muss ich erst mal verdauen.“
„Ja, auch gut, ich muss eh los, hab ja noch andere Baustellen und einen engen Zeitplan.
Bis neulich.“
Ich muss grinsen. Paula, die Mopsfledermaus – meine pampige Muse …

7. Juni 2020 – Heimlichkeiten im Museum

Mittlerweile sind drei Wochen vergangen. Der Direktor hat alle seine Beziehungen spielen lassen. Die Zeitungen haben Aufrufe veröffentlicht. Der Aufsichtsrat hat sogar eine Belohnung ausgesetzt.
Landauf, landab wurde in privaten und öffentlichen Sammlungen, Archiven, Rumpelkammern, Kellern und sogar in Geräteschuppen fieberhaft nach Hinweisen auf eine Zauberflöte gesucht.
Mehrmals war der Direktor unterwegs gewesen zu den Schatztauchern im Atlantik und dem Mittelmeer, die ihm bisher seine besten Exponate besorgt hatten.

Darüber hatte er die junge Frau, die den ganzen Aufruhr ausgelöst hatte, anscheinend total vergessen.
Keyser war es sehr Recht, dass er nicht mehr nach ihr gefragt wurde. Er wollte ungern lügen.
Denn natürlich hatte er sie mittlerweile gefunden. Es war lächerlich einfach gewesen.
Eines Morgens, noch vor dem Besucheransturm war er durchs Museum gelaufen. Wie ferngesteuert war er vor dem Glaswürfel mit dem Teppich gelandet.
Und da stand sie. Diese kupferfarbenen Locken, dieses Profil. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Sie musste die Schwester von Valentina Mayer-Schlüterblitz sein.
Er wusste, sie war Historikerin, hatte an der Sorbonne studiert.
„Haben sie eine Idee, wie wir ihn munter bekommen?“
Erschrocken hatte sie sich umgedreht und dann traurig gelächelt.
„Nein, leider nicht. Ich ahnte ja nicht …“
„Nein, keiner wusste davon, dass … „
Beide hatte sie ihren Satz nicht beendet, sie verstanden einander auch so.
Seither trafen sie sich regelmäßig im Café, manchmal zu dritt, mit ihrer Schwester, aber meist zu zweit.
Mathilde … ein Name wie warme Schokolade. Er genoss ihr Lächeln, wenn er ihn französisch aussprach.
Es gab so viel voneinander zu erfahren.
Häufig trafen sie sich morgens im Museum, gingen gemeinsam zum Teppich. Einmal hatte er sogar verstohlen ihre Hand gegriffen. Sie hatte gelächelt, kurz mit dem Daumen über seinen Handrücken gestrichen und ihre Hand dann zurückgezogen.
Ihm war daraufhin den ganzen Tag zum Feiern zumute gewesen.

7. Juni 2020 – Unverhofft im Museum

„Keyser! Sie träumen schon wieder. Wann stellen sie sie mir vor?“
Ertappt blinzelt er: „Wen?“.
Der Direktor lächelt nur spitzbübisch. Manchmal, wenn der Mann seinen Charme spielen lässt, ist Keyser fast geneigt, ihn zu mögen.
„Sehen sie her, Keyser. Wir haben einen Grund zum Feiern.“ Er öffnet einen kleinen Koffer. Darin liegt ein verbeultes, schmutziges Etwas, dem man mit Mühe ansieht, dass es wohl einmal kupferfarben war.
„Ist das eine …?“
„… eine Zauberflöte, ja. Ein Antiquar hat sie gestern entdeckt. Stellen sie sich vor: Zufällig, bei einer Haushaltsauflösung, in einem Geräteschuppen unter jeder Menge Krempel.“
„Funktioniert sie noch? Sie sieht ziemlich kaputt aus.“
„Das gilt es herauszufinden. Können sie Flöte spielen?“
„Nein, leider nicht.“
„Mmmh, ich auch nicht. Wo finden wir jemanden, der sie testen kann?“
„Bei den Sinfonikern?“
„Geht’s auch ein bisschen kleiner? Ich will damit erst an die Öffentlichkeit, wenn wir auch wissen, dass sie noch brauchbar ist.“
„Ein Instrumentenbauer vielleicht? Ich höre mich mal um.“
„Ja, tun sie das. Und – Keyser?“
„Ja?“
„Danken sie der jungen Dame in meinem Namen. Erst war ich sauer auf sie, aber es ist gut, dass die Katze aus dem Sack ist. Diese Heimlichtuerei war nicht zum Aushalten. Endlich kann ich wieder etwas ruhiger schlafen.“
„In Ordnung.“, verblüfft schließt Keyser die Bürotür, das kam nun doch unerwartet.

Photo by Salah Alawadhi on Pexels.com

8. Juni 2020 – Was feiern wir ?

„… und so freue ich mich heute, mit ihnen den Neubeginn in unserem wunderbaren Mysterienmuseum zu feiern. Ich danke ihnen allen herzlich für ihre tatkräftige Unterstützung beim Umbau. Mein besonderer Dank jedoch gilt Frau Mathilde Mayer, die …“

„Stopp!“, interveniert Paula, „Warum fängst du mittendrin an? Das nervt! Erzähl gefälligst von vorn!“
„Wenn du meinst. Also dann… „:

Nach einigen Telefonaten war es Keyser gelungen, einen Flötenbauer aufzutreiben. Dieser stellte fest, dass es sich tatsächlich um eine Zauberflöte handelte und dass die vorhandenen Schäden reparabel waren.
Während er sich also des Instruments annahm, wurde das Museum zwecks Umgestaltung für 3 Wochen geschlossen.
Als die Flöte repariert war, erinnerte nichts mehr an ihr schmähliches Dasein im Geräteschuppen. Auf Hochglanz poliert, strahlte sie in ihrer ganzen kupferfarbenen Pracht.
Der Versuch, den Teppich mit ihr zu wecken, musste einfach klappen.

Der, neuerdings erstaunlich umgängliche, Direktor erlaubte Mathilde, den Teppich für den Anlass vorzubereiten. So rollte sie gemeinsam mit Keyser den edlen Perser im neuen Teppich-Flugraum aus, um ihn behutsam zu bürsten. Dabei schien es, als ob er sich jedem Bürstenstrich wohlig entgegenstreckte.
Als Mathilde zum Schluss schließlich die Fransen vorsichtig entwirrte, ging ein Ruck durch den Teppich. Endgültig erwacht, erhob er sich in die Luft, schoss übermütig durch den Raum, flog wilde Schleifen, drehte Loopings und macht schließlich wieder vor ihnen Halt.
Zum Glück liefen die Überwachungskameras im Raum die gesamte Zeit über. So konnte dieser unerwartete Vorfall dokumentiert werden.
Unter dem Titel „Teppicherwachen“ wurde das dabei entstandene Video von Mathildes Schwester, der PR-Managerin, kurzerhand ins Netz gestellt.
Damit war der Erfolg der Wiedereröffnung gesichert und der Besucherandrang enorm.

Viele der Mysterien konnten nun endlich selbst ausprobiert oder zumindest ihr Zauber hautnah erlebt werden.
Bei den Wahrsagern, die die Kristallkugeln und Pendel vorführten, gab es großes Gedränge. So mancher verlegte Gegenstand wurde an diesem Tag erfolgreich ausgependelt.
Die Zauberflöte übrigens erwies sich als hervorragendes Mittel, um in der Menge verschwundene Kinder wieder hervorzulocken. Was für die Kinder ein riesen Spaß war und manchem Elternteil ein sehnsuchtsvolles Seufzen entlockte.
Jedoch der Höhepunkt des Tages war zweifellos das Wettrennen zwischen Teppich und Siebenmeilenstiefeln.

Auf dem Abendempfang für Mitarbeiter und Honoratioren hielt der Direktor seine überschwängliche Rede.
Und Mathilde und Keyser erhielten als besonderes Dankeschön je einen Gutschein für einen Teppichrundflug.

„Na, dann ist ja gut“, meint Paula.
Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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