ABC-Etüden, Depression

ABC.Etüden KW 4+5 / 2020 — Wiederentdeckung der Achtsamkeit

Diesmal hat Christiane also meine Worte ausgewählt.
Spannung, Freude und Herausforderung halten sich die Waage.

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Quelle pixabay bearbeitet von Christiane

War „belanglos“ schon immer negativ konnotiert?
Dieser Unterton von vergeudeter Zeit und Zweckfreiheit, ja eine gewisse Verachtung für die „belanglosen“ Dinge und Ereignisse klingen mir immer mit, wenn ich das Wort höre.

Als ich 2017 aus meinem gewohnten Leben flog mit Burn-out und mittelgradiger Depression, da entdeckte ich beim eigenen Wiederaufbau die Belanglosigkeit als Rettungsanker und Ruhepol.

Im Hamsterrad aus selbst auferlegten Pflichten und Zielen, hatte ich mir zuletzt keine Zeit mehr genommen innezuhalten, keine Zeit für die kleinen Nichtigkeiten, die ohne Zeitdruck und Zwang auskommen. Warum eigentlich?

Wenn du als Kind stundenlang irgendetwas tust, einfach weil es dir Spaß bereitet, nicken die Erwachsenen nachsichtig: „Lass sie nur, der Ernst des Lebens kommt früh genug.“
Tu es als Erwachsener und dir wird vorgerechnet, was du in dieser Zeit an wichtigen Dingen hättest erledigen können. Da ist er, der Ernst.
Genau genommen ist er ein Papiertiger.
Nur ich selbst schärfe seine Krallen und Zähne.
Mal ehrlich: Muss ich echt täglich 24 Stunden die Welt retten? Geht sie tatsächlich unter, wenn ich mir auch nur 5 Minuten Zeit nehme, um dem Plätschern meines Zimmerbrunnens zuzuhören oder dem Schnurren meiner Katzen?

Während der niederdrückendsten Phase meiner Krankheit hielten mich belanglose Bücher und Filme, ohne großen intellektuellen Anspruch, über Wasser.
Ich brauchte diese ruhige, heile Welt, oder die Phantasiewelten, deren Probleme mich nicht betrafen, die einfach nur dahinplätscherten ohne Erwartung an mein sofortiges Eingreifen.
Ich brauchte die Happy Ends, egal wie vorhersehbar oder unrealistisch.
Ich brauchte dieses „Einfach-nur-Sein“ um zurückzufinden, in meinen Rhythmus.

Belangloses hilft mir durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen, dem Papiertiger die Krallen zu stutzen.

–263 Wörter–

6 Gedanken zu „ABC.Etüden KW 4+5 / 2020 — Wiederentdeckung der Achtsamkeit“

  1. du hast soooo recht! Und es ist nur vordergründig eine Erscheinung der „neuen Zeit“, dass man scheinbar gezwungen wird, immer etwas „Sinnvolles“ zu tun. Ich bin in einer – sehr liebevollen – Familie aufgewachsen, deren Doktrinen jedoch durchschlagend waren. Der Wahlspruch meiner Großmutter mütterlicherseits war: „ein Mädchen ist nie ohne Handarbeit“, der der anderen Großmutter „Haste was, dann biste was“.. Ich musste auch durch Burnout und Depression gehen um danach zu erkennen (und das hat Jahre gedauert), dass ich das RECHT HABE, auch mal NICHTS zu tun und mit mir alleine zu sein. Dass es völlig okay ist, einfach die Beine hochzulegen und Löcher in die Wand zu starren. Oder einen Film mit Happy End zu gucken, der keinerlei Chancen hat, je in einem Kulturmagazin besprochen zu werden. Dass es okay ist, mal auszuschlafen, wenn mein Körper das braucht. Jetzt bin ich kurz vor sechzig und fange an, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Hat lange gedauert, aber besser spät als nie.

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  2. Heutzutage darf man sich ja nicht mehr langweilen. Jeder Müßiggang ist strengstens verpönt und wird mit Social Media oder Daddelspielen nicht unter einer halben Stunde bestraft.
    Du hast SO recht, dass es fast wehtut.
    Liebe Grüße, danke hierfür
    Christiane 😁🐱🍷👍

    Gefällt 2 Personen

  3. Der Drang, nicht die Zeit „totschlagen“ zu wollen, sondern etwas „Sinnvolles“ zu machen erzeugt vielfach ein vollkommen unbegründetes schlechtes Gewissen und damit ein „Weiter so, nur keine Blöße geben, nur nicht Schwäche“ zeigen. Dabei sind Pausen, Loslassen, die Beine Baumeln lassen, so wichtig für die Seele und das körperliche Gleichgewicht, kann ich auch erst jetzt, als Ruheständler, sagen. Es ist halt schwer, den Trott zu brechen. Weil mittlerweile auch zu viele Verpflichtungen davon abhängen.

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