Gedankensplitter

8. November 2019 — Remember…

Der 9. November 1989 war ein Donnerstag und außerdem hatte meine Mutter Geburtstag.
Zur Feier des Tages waren mein Mann und ich aus Dresden zu Besuch gekommen und hatten gemeinsam mit Mutter und Schwester in Görlitz den Abend im Klassikkonzert verbracht.
Wir kamen gegen 22 Uhr nach Hause und fanden die Nachbarn in heller Aufregung.
„Die Mauer ist auf!“, jubelte es uns entgegen, „wir fahren sofort los nach Hof. Wer weiß, wie lange es dauert, bis sie wieder dicht machen.“
Sprachlos sahen wir zu, wie die gesamte Familie – 7 Personen – sich auf zwei Autos verteilte und winkend davon fuhr.
Irgendwann löste sich die Schockstarre und wir rannten in die Wohnung – den Fernseher an … das gab’s doch nicht … das war bestimmt ein Irrtum…
Überwältigt und fassungslos sahen wir in den Nachrichten die Wiederholung der Pressekonferenz mit Günter Schabowski (Link zu youtube) und hörten es selbst.
Was für ein Geburtstagsgeschenk.

Wir durften plötzlich reisen. In jenes andere Deutschland, dass wir uns bisher nur vorstellen konnten, das nach Fa-Seife roch und nach gutem Kaffee schmeckte.
Sollte es wirklich wahr sein? Bei einer Flasche Rotkäppchensekt schmiedeten wir Pläne zu unserem ersten Ausflug „in den Westen“.
Am Samstag. Morgens zu viert in Mutters Trabbi gestiegen und dann in der endlosen Blech- und Papplawine in Richtung Grenzübergang nach Hof geschlichen.
Trotz Dauerstau – guter Laune, aufgeregt, gespannt. Meine Mutter und ich wollten als erstes in einen Buchladen, einfach nur mal schauen, mein Mann lechzte nach Musik, Schwesterchen wollte in einen Spielzeugladen…
Die Nachbarn waren, bis oben hin angefüllt mit fantastischen Geschichten, am Vorabend wiedergekommen.

Wir diskutierten im Auto (ja, auch ein Trabbi ist ein Auto😃 ) darüber, was davon wohl wahr und was doch übertrieben war.
Erst am späten Nachmittag waren wir in Hof. Alle Läden waren schon zu. Eigentlich hätten wir sofort wieder umkehren können, aber wenigstens ein bissel gucken wollten wir.
Dann trafen wir auf ein Ehepaar. Diese luden uns einfach so ein, bei ihnen Abendbrot zu essen und zu übernachten. Diese spontane Gastfreundschaft wildfremden Menschen gegenüber war beeindruckend, anrührend und unerwartet.
Den ganzen Abend saßen wir beieinander, uns gegenseitig aus unserem Leben erzählend, abwägend, im Versuch, einander zu verstehen.
Am nächsten Morgen wollte der Familienvater unbedingt noch eine Proberunde im Trabbi drehen.
Danach fuhren wir wieder heim. Voller Hoffnung, voller Zukunftsideen.

Den Besuch im Buchladen hab ich dann übrigens im Januar in Berlin auf dem Ku-Damm nachgeholt, von den 100 Mark Begrüßungsgeld hab ich mir als erstes eine Komplettausgabe „Kästner für Kinder“ gekauft.

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