ABC-Etüden, Gedankensplitter

ABC.Etüde KW 45+46/2019 – In guten, wie in schlechten Zeiten

Die aktuellen Wörter kommen  von Anna-Lena mit ihrem Blog „Meine literarische Visitenkarte„. Die neuen Begriffe lauten:

Himmelsleuchten
                                  recycelbar
                                                       ausreisen.

Und hier der Pingback-Link zu Christianes Schreibeinladung

In guten, wie in schlechten Zeiten

Neulich stand ich unter der Dusche und erinnerte mich an das erste Mal, dass ich diesen wunderbaren, warmen Wasserfall auf meinem Körper spürte.
Ich war knapp sieben Jahre alt. Wir waren gerade in unser neues Haus gezogen. Bis dahin kannte ich das Waschen nur aus dem Waschbecken und als wöchentliches Highlight die Sitzung in der Badewanne. Und nun prasselte warmes Wasser über mich, so viel und so lange ich wollte. Ich hätte ewig da stehen können und einfach nur genießen.
Am nächsten Tag dann die Enttäuschung. Das Gefühl vom Vorabend war weg. Es war immer noch toll, zu duschen, aber nicht mehr neu, nicht mehr unerwartet.

Als ich 1989 das erste Mal mit meinem Mann „in den Westen“ ausreiste, da stand ich entsetzt im Aldi. Die überbordende Menge und die lieblose, kein bisschen wertschätzende Präsentation von Lebensmitteln und anderen Waren, für die wir bis dato anstehen oder jemanden kennen mussten, um sie ein, zwei Mal im Jahr zu ergattern.
Menschen hatten dafür gearbeitet. In manchem Falle waren Mitwesen getötet worden.
Und hier lagen die Sachen bergeweise, noch in ihren Transportkisten, jeder wühlte respektlos darin rum. Das war ein Kulturschock.
Irgendwann, im Strudel von täglichen Erfordernissen und Zeitmangel, dachte ich kaum noch darüber nach. Ja, diese Überforderung durch zweckfreies Überangebot und der Schock, ob fehlender Wertschätzung von Leben und Werk anderer, begegnen mir immer wieder, aber das Gefühl ist nie mehr so unmittelbar, so überwältigend.

Das erste Mal ist schwer recycelbar. Gewohnheit schleift die Gefühle ab.
Der glückselige Kick des Neuen, Schönen, dieses strahlende Himmelsleuchten am eigenen Horizont, das ist ebenso nicht wiederholbar, wie mehr oder weniger heilsamer Schock und Fassungslosigkeit.
Als Antrieb bleibt der Wunsch, ein besonderes Glücksgefühl zu erleben und in der Schatzkammer meiner Erinnerung zu horten, für jene Zeiten, in denen ich meine, gar nichts mehr zu fühlen.

-300-

10 Gedanken zu „ABC.Etüde KW 45+46/2019 – In guten, wie in schlechten Zeiten“

  1. Ein wirklich schöner Text, der aufrüttelt, gerade wenn wir immer wieder in unsere (längst nicht immer guten) Gewohnheiten verfallen und jegliche Wertschätzung verloren haben.

    Früher (und ich bin im Westen aufgewachsen) hatten wir auch ein wöchentliches Badewannenfest und meine Großtanten sind sogar am Samstag ins Waschhaus am Ende der Straße gegangen um zu baden …

    Liebe Brandenburger Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt 1 Person

  2. Diese innere Schatzkammer zu haben ist soooo unglaublich wichtig. Denn daraus kann dir keine*r was stehlen.
    Ansonsten denke ich, dass dir da damals was enorm Wichtiges aufgefallen ist, nämlich die Sache mit der Wertschätzung. Die ist in der Schieflage, auch heute noch.
    Liebe Grüße und vielen Dank für diesen nachdenklich machenden Text
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

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